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Mächtig naturgewaltig: der Mensch



Mächtig naturgewaltig: der Mensch
05. September 2018  ·  von Ronny Weise



Das Leben: Es scheint ein Spielball der Elemente zu sein. Überhaupt erst möglich geworden durch die gütigen Bedingungen auf der Erde, fällt es ihnen auch immer wieder zum Opfer – beispielsweise im Zuge von Vulkanausbrüchen oder Hurricanes. Wir sprechen dann von Naturkatastrophen, auf die man keinen Einfluss hat. Allerdings ist der Mensch mittlerweile selbst zur Naturgewalt geworden, die das Gesicht des Planeten drastisch verändert. Deshalb müssen wir unsere Macht erkennen und sie anders einsetzen. Schon allein, um uns nicht selbst zu vernichten.

Die Kraft der Natur erleben – das ist etwas Wundervolles. Wenn man im Herbst am Atlantik steht, die tosenden Wogen beobachtet oder den donnernden Sturzregen eines Sommergewitters im Schutz der eigenen vier Wände genießt, dann kann man sich ihr ergeben fühlen, sie spüren und annehmen. Bleibt eine solche Himmelsflut aber aus – wie im Zuge der diesjährigen Dürre –, so spüren wir eine ganz andere Kraft: unsere eigene. Denn es ist der Mensch, welcher die Vorgänge auf der Erde immer mehr beeinflusst und bestimmt. Hier der Klimawandel, da die Vermüllung der Meere. Unser Wirken und seine Auswirkungen sind mittlerweile so stark geworden, dass Forscher von einem neuen Erdzeitalter sprechen: dem Anthropozän.

Eine neue Ära … aber was für eine!

Der Name bedeutet: das Zeitalter des Menschen. Offiziell befinden wir uns seit lächerlichen 12.000 Jahren im sogenannten Holozän – dem neuen Zeitalter. Es hat den meisten Lebewesen nach der letzten Eiszeit ein besonders wohliges Klima beschert – aber damit ist jetzt langsam Schluss. Denn seit Mitte des 20. Jahrhunderts wird es zunehmend ungemütlich auf dem Planeten. Das kann man spüren, wenn beispielsweise unser Wetter verrücktspielt. Man kann es auch knallhart messen – und zwar auf der ganz großen Skala: Wissenschaftlich muss ein Erdzeitalter an den Sedimenten ablesbar sein. Was passiert, lagert sich ab und bleibt.

Nach uns der Tod

Versetzen wir uns also Spaßes halber mal ein paar Tausend Jahre in die Zukunft und schauen, was wohl so im Boden zurückbleibt von unserem tosenden Leben. Da wird sich ein strahlender Reigen neuer Radionuklide von den Atombombentests finden. Da wird man jede Menge Plastik und Umweltgifte ausgraben, aber gleichzeitig viel weniger Biomasse als in den älteren geologischen Schichten entdecken können – und nur eine extrem geringe natürliche Vielfalt. Denn mit dem massiven Einfluss des Menschen geht das sechste große Artensterben in der Erdgeschichte einher.

Erdgeschichtlich lächerlich – oder doch nicht?

Das letzte Massensterben auf der unglaublich langen geologischen Zeitskala des Planeten fand vor 66 Millionen Jahren statt, als ein Meteorit den Siegeszug der Dinosaurier schlagartig beendete. Nicht ganz so schnell passiert das jetzt im Anthropozän, aber im Vergleich zu den vier ersten, sich über Jahrmillionen hinziehenden Sterbewellen doch entsetzlich hurtig. Wir laufen hier seit gerade einmal 300.000 Jahren als homo sapiens herum. Den größten Teil davon haben wir uns einigermaßen zusammengerissen – vermutlich wider besseres Wissen.

Einzigartig exponentiell

Durch den technischen Fortschritt im Zuge der Industrialisierung, durch die ungebremste kapitalistische Massenproduktion und den unreflektierten Konsum ist der Mensch nun aber selbst zur Naturgewalt geworden. Als erstes und einziges Lebewesen löst er Katastrophen aus. Vor dem Horizont der viereinhalb Milliarden Jahre Erdgeschichte sieht das aus wie ein kurzer, extrem zerstörerischer Blitz. Und mit so einem Blitz beginnt offiziell auch das berüchtigte Anthropozän: mit dem grellen Schein der ersten gezündeten Atombombe auf der Trinity Test Site in New Mexico im Jahr 1945.

Explosionen in allen Dimensionen

Seitdem verbreiten sich alle möglichen Unannehmlichkeiten mit besonders wahnwitziger Geschwindigkeit. An der Spitze des Zuges: die Erdbevölkerung. Im Marsch mit ihr: Betonlawinen auf ehemals grünen Landmassen, Kunstdüngerfluten und Gifte im Boden, Plastikströme im Meer, die Treibhausgase CO2, Methan und N2O in der Atmosphäre, Feinstaub in der Luft, Lichtverschmutzung in der Nacht – sogar unseren Orbit müllen wir mit Weltraumschrott zu. Durch den exponentiellen Anstieg des Verbrauchs von Fisch, Fleisch, Wasser, Öl und anderen Bodenschätzen – ja sogar Sand – werden Ökosysteme aus dem Gleichgewicht gebracht, Lebewesen verseucht und Wunder der Natur vom Erdboden gefegt.

Neue und klassische Katastrophen

Wir alle kennen die Auswirkungen, welche sich besonders in und um das Lebenselement Wasser konkretisieren: Überfischung, Korallenbleiche, Untergang von Archipelen durch den Anstieg des Meeresspiegels. Es gibt sogar Vermutungen, dass wir mit der Erschaffung riesiger Stauseen und deren schierer Masse Erdbeben begünstigen. Aber schon allein die Zunahme der Stürme und Verwüstungen zeigt, dass der Mensch nicht nur neue, sondern auch klassische Naturkatastrophen auslöst.

Der große Unterschied in uns

Der Mensch ist also die größte Macht, die der Planet in seiner Geschichte aus sich selbst hervorgebracht hat. Im Gegensatz zu Supervulkanen oder Heuschreckenplagen verfügen wir als Natur- oder Kulturgewalt aber über ein Bewusstsein: Menschen sind in der Lage, zu erkennen und zu reflektieren. Wir können die eigene Unachtsamkeit verdammen, Verantwortung übernehmen und unser gesamtes Sein umgestalten – aktiv und positiv. Wir müssen. Denn mit der Zerstörung der eigenen Lebensgrundlagen werden wir bald Teil des globalen Artensterbens sein. Überschreitet beispielsweise die Erderwärmung vier Grad, so sind Veränderungen im System unwiderruflich. Auch Geoengineering hilft dann nicht mehr.

Umdenken und umkehren

Was ansteht, ist allen, die schon bewusster konsumieren, wohlbekannt: weg mit Auto, Plastik, Flugreisen; ausschließlich Bio essen und trinken, weniger Fleisch und Fisch, vorzugsweise regional, nur nachhaltige Energien nutzen, sparen, einfacher leben und sich dafür engagieren, dass die anderen es einem gleichtun. Klar müssen wir auch all den Müll, all die Treibhausgase und Giftstoffe wieder einfangen. Das macht aber erst Sinn, nachdem wir aufgehört haben, die Umwelt damit zuzumüllen.

Anthropozän als Chance

Unser Bewusstsein über das Anthropozän, das mächtig naturgewaltige Zeitalter der Menschheit, kann man aber auch ins Gute denken. Wir sind in der Lage, den Planeten als Ort friedlicher Koexistenz zu gestalten, natürliche und kulturelle Gleichgewichte zu etablieren. Zu wissen, was man tut, bedeutet auch, tun zu können, was man weiß. Sicher, Schreckensszenarien fluten jeden Tag unsere Kommunikationskanäle. Die Angst regiert, Dystopien lähmen uns. Aber es gibt auch Utopien, Visionen einer friedlichen, freien, gemeinsamen, grünen Welt.

Der Traum ist nicht aus

Diese Ansätze finden sich in der Philosophie von Aristoteles über Ernst Bloch bis zu Richard David Precht, aber auch in Film und Literatur, zum Beispiel im Buch Ökotopia von Ernest Callenbach oder der Fernsehserie Star Trek. Warum entwerfen wir nicht unsere eigene, neue Utopie? Nie verfügte die Menschheit über so viele Werkzeuge, um ihre Träume umzusetzen. Vielleicht hecheln wir nur den falschen Träumen hinterher. Aber das kann man gemeinsam ändern. The time is now.

 

Ronny Weise

Ronny Weise

Ronny Weise, freier Autor und Werbetexter, setzt seine zehn Finger seit 2010 für die Berliner Bioszene ein, bewegt sich fast immer mit dem Fahrrad fort, surft am liebsten an der Steilküste von Wikipedia, liebt das Treiben der Metropole so sehr wie die Ruhe der Natur und speist seine Ideen aus genau diesem Spannungsfeld.
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