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Zurück zur analogen Sinnlichkeit



Zurück zur analogen Sinnlichkeit
12. Oktober 2018  ·  von Ronny Weise



Die am weitesten verbreitete Droge unserer Zeit ist digital. Wir bezahlen sie mit Aufmerksamkeit, oft mit Daten und immer öfter mit der eigenen Gesundheit. Viele Menschen versuchen daher, ihre tägliche Informationsflut einzudämmen. Diesem Trend – Digital Detox – geht es um bewussten Medienkonsum, um die Chance, seinem Gehirn Pausen zu gönnen und das analoge Sein wieder zu entdecken. Es ist die Kunst, sich voll und ganz an Dingen zu erfreuen, die ganz und gar analog sind.

Hallo! Achtung! Aufmerksamkeit! Wenn du diesen Text zu Ende gelesen hast, würde ich dich gern zu einem kleinen Experiment herausfordern. Leg dann bitte dein Handy weg; dein Pad, deinen Rechner – mach sie aus.

Erwischt?

Denn ich weiß genau, dass du jetzt gerade auf irgendein Display starrst. Keine schlimme Sache. Wirklich nicht. Unangenehm wird es nur, wenn man das ständig tut und sich von der digitalen Sphäre stets in seinem Tun unterbrechen lässt – kurz: sich dem Diktat der permanenten Kommunikation unterwirft. Denn dann könnte es sein, dass man in Abhängigkeit gerät. Eine Vorstellung, die den Wenigsten gefallen dürfte.

Ist das denn so schlimm?

Der moderne Mensch verbringt zunehmend mehr Zeit im Dialog mit seinen digitalen Endgeräten. Und wie bei den meisten Dingen im Leben gilt auch hier einer der wenigen schlauen Sprüche aus dem Mittelalter: Die Menge macht das Gift (Paracelsus).

Um den Teufel an die Wand zu malen: Wer rund vier Stunden täglich online ist, gilt als gefährdet. Krank hingegen definiert die Medizin jene, welche dies ohne vernünftige Motivation tun, es nicht mehr kontrollieren können und sich dadurch selbst schädigen.

Bin das etwa ich?

Nein. Zu diesem Schreckensgespenst hast du – wie die meisten – vermutlich einen komfortablen Abstand. Aber unsere Always-on-Kultur führt bei allen Menschen zu einem veränderten Verhalten; zu einem Tun, das einem nicht unbedingt gut tut. Denn die digitale Welt ist geprägt von ständiger Abwechslung und Unterbrechung. Eine Multiplexwelt, für die wir von Natur aus nicht gemacht sind. Eine Welt, die uns durcheinanderbringt.

Genau … was hast du gesagt?

Zu jeder Zeit und bei jeder Tätigkeit reaktions- und wechselfreudig zu sein – das macht aus starken Köpfen wabbelige Spielbälle. Denn das Gehirn ist eigentlich nicht multitaskingfähig. Wenn wir versuchen, zwei komplexe Aufgaben parallel zu erledigen, sinkt unsere Konzentrations- und Leistungsfähigkeit rapide. Das Bewusstsein muss ständig zwischen den beiden Dingen hin- und herspringen, weil es zurzeit nur eine Sache erledigen kann. Dieses Surfen von einer Tätigkeit zur anderen – und zurück – kann durchaus Spaß machen, verursacht aber hauptsächlich Stress. Der ist unnötig, ungesund, macht vergesslich, kostet Lebenszeit.

Und jetzt entspannen wir uns mal!

Wie kommt man da bloß raus?

Der digitalen Falle zu entfliehen, ist eigentlich sehr einfach. Man kann sich sogar von außen helfen lassen. Angebote schießen aus dem Boden. Ein Berliner Spa beispielsweise bietet seinem Hipster-Publikum die Chance, während des Aufenthalts komplett abzuschalten – durch das Verbot digitaler Endgeräte. Auch die neueste Version (12) des Apple iOS beinhaltet eine Funktion zur Kontrolle und Einschränkung der „Bildschirmzeit“. Ob es jetzt die beste Idee ist, dem Smartphone die Verantwortung über seine eigene Smartphone-Nutzung zu übergeben, steht auf einem anderen Display.

Gibt es dafür eine App?

Um aus einer bewussten Entsagung neue Lebensqualität zu erschaffen, aus dem gesundheitlichen Anspruch Genuss zu machen – dazu braucht es keine externe Hilfe; nur ein bisschen Entschlossenheit für analoge Sinnlichkeit. Es geht um die Nähe zu uns selbst anstatt um die Verbundenheit mit der Welt. Alles beginnt mit einer Frage: Ist meine aktuelle digitale Tätigkeit wichtig oder kann ich sie auch sein lassen bzw. durch etwas anderes ersetzen?

Worin liegt der Sinn?

Beim Bahnfahren, beim Warten auf jemanden, beim Joggen oder beim Essen, ja sogar auf Toilette – überall und immer kann man sich mit seinem omnipräsenten Kommunikator von der aktuellen Situation ablenken. Um sich zu verstecken. Um der Realität zu entfliehen. Um alles im Griff zu haben. Aber man kann es auch einfach sein lassen. So, wie es ist. Langweilig manchmal. Unangenehm. Mühsam. Ja. Wer diese Tatsache jedoch annimmt, wird am Ende mehr erleben, mehr zu erzählen haben und dabei auch noch entspannter sein. Versprochen.

 

Lässt sich das ersetzen?

Auch das Analogisieren von Alltagstätigkeiten ist eine wundervolle Möglichkeit zur Wiederentdeckung der eigenen Ruhe: beispielsweise bei den morgendlichen Nachrichten. Die muss man nicht am Bildschirm konsumieren, sondern kann sie auch in der Zeitung lesen. Ist etwas aufwendiger, hat aber den Vorteil, dass man nicht von Push-Nachrichten unterbrochen wird.

Verpasse ich nicht was?

Diese kleinen Nervensägen dürfen getrost auf stumm gestellt werden – so oft, wie möglich übrigens. Bringt meist keine Nachteile mit sich. Denn Instant-Messaging impliziert keineswegs Instant-Replying (sic!). Es ist ein Angebot, das man souverän mit einem Lächeln ablehnen kann. Gut fürs Gemüt – und ganz nebenbei auch fürs Ego. Freunde und Kollegen werden mit folgender Ansage klarkommen: „Wenn es wichtig ist, ruf bitte an!“ Vielleicht machen sie es ja auch nach, wovon die Welt nicht unterginge.

Abends auch nicht?

Noch wichtiger für die eigene Lebensqualität kann eine abendliche Rückkehr ins Analoge sein: Buch statt Bildschirm. Denn nicht nur die Helligkeit des Displays hindert uns am Müdewerden. Auch die fragmentierte Information macht das Runterkommen zu einem Hindernislauf. Tauchen wir in lineare Geschichten ein, so ist das ein bisschen wie Meditation. Ganz bei einer Sache. Mit sich und den Gedanken. In Ruhe. Gute Nacht.

 

Ist analog nicht überholt?

Analoge Tätigkeiten sind im Zugang oft etwas umständlicher als digitale, versprechen aber große Entspannung und Genugtuung. Eine Schallplatte aufzulegen macht Arbeit. Die Auswahl ist meist begrenzt. Keine automatische Fortsetzung. Keine Empfehlung ähnlicher Stücke. Keine Mobilität. Und genau deswegen gestaltet sich der Prozess des Hörens viel bewusster, die Wahrnehmung sensibilisiert sich wie beim Speisen in einem Dunkelrestaurant. Das Erleben bekommt eine neue Qualität – durch den Fokus aufs Wesentliche.

Muss man können, was einem gut tut?

Eine andere Möglichkeit, die anfangs frustrierend sein kann, ist der Wechsel zum Stift. Weg mit Tastatur oder Fotoapparat! Jeder kann schreiben oder malen, auch wenn es furchtbar aussehen mag. Viele von uns tun dies bei langweiligen Telefonaten oder in zähen Meetings ganz automatisch. Also kann man es auch einfach mal mit voller Konzentration tun, sich darin verlieren und langfristig sogar eine wunderschöne Fertigkeit kultivieren. Die asiatische Kalligrafie ist vielleicht das schönste Sinnbild für kontemplative Erfüllung: Sie verbindet Bild und Wort, Sein und Tun zu einem tiefen Ganzen, ohne die Notwendigkeit des Multitaskings.

Ganz oder gar nicht?

Auch längere Phasen ganz ohne digitale Anbindung können unglaublich gut tun. Das, wovon die meisten träumen – Urlaub auf einer einsamen, tropischen Insel –, ist als innere Erholungsreise realisierbar. Handy weg, raus aus der Stadt – und aller Zwang verschwindet. Für ein paar Tage aussteigen. Ein unglaublicher Luxus. Unglaublich leicht zu haben. Aber auch sehr leicht wieder zu vergessen: Denn wie bei einer Diät ist es wichtiger, sein Verhalten langfristig umzustellen, als radikal zu fasten. Vier Wochen Retreat und danach wieder ab in den Informationswahnsinn … wäre kein Wunder, wenn es da nicht auch einen Jo-Jo-Effekt gäbe.

Regelmäßige Reduzierung digitaler Kommunikation im Alltag wirken dagegen Wunder. Die Mitarbeiter der Rheinsberger PreussenQuelle haben sich gemäß ihrer Maxime „bleibt natürlich“ darauf verständigt, Smartphones im Büro nicht zu nutzen – und gehen am Ende des Tages entspannter nach Hause als viele andere.

Wann, wenn nicht jetzt?

Zurück zur Situation, in der du dich gerade befindest. Du hast jetzt etwa zehn Minuten investiert, um diesen Artikel zu lesen. Und du hast bestimmt noch weitere zehn Minuten Zeit, welche du sonst mit anderen Online-Aktivitäten verschwenden würdest. So wie wir alle. Ich möchte dich daher bitten, dein Gerät aus oder auf stumm zu schalten und die Augen zu schließen. Konzentriere dich auf deine Atmung. Sei bei dir selbst und im Jetzt. Lass deine Gedanken wandern, aber versuche, mit der Aufmerksamkeit immer wieder zur eigenen Atmung zurückzukehren; zu dir als Dasein im jetzigen Moment. Sonst nichts. Nur für zehn Minuten …

Und was noch?

Das wird dir nicht leicht fallen. Du wirst möglicherweise nervös werden, Pläne schmieden oder es vorn herein als albern abtun. Allerdings kann so eine kleine Achtsamkeitsmeditation ziemlich gut tun. Sie ist eine Möglichkeit, loszulassen. Eine unter vielen. Du kannst auch einfach bewusst und fokussiert zuhören oder beobachten, was um Dich herum passiert. Du kannst etwas sehr Basales mit voller Aufmerksamkeit tun, wie etwa Kochen oder ganz in Ruhe einen Schluck Wasser trinken. Bei alledem wirst du unglaublich viel entdecken, was sonst vom Strom der Information aus deinem Bewusstsein gerissen wird. Reclaim your brain! Dein Kopf gehört dir. Und jetzt – wie Peter Lustig am Ende jeder Episode seiner wunderbaren Kindersendung Löwenzahn zu sagen pflegte: abschalten!

Ronny Weise

Ronny Weise, freier Autor und Werbetexter, setzt seine zehn Finger seit 2010 für die Berliner Bioszene ein, bewegt sich fast immer mit dem Fahrrad fort, surft am liebsten an der Steilküste von Wikipedia, liebt das Treiben der Metropole so sehr wie die Ruhe der Natur und speist seine Ideen aus genau diesem Spannungsfeld.
Ronny Weise

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