2021 | Zurück zur neuen Normalität



2021 | Zurück zur neuen Normalität
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29. Dezember 2020  ·  von Ronny Weise



Themen, die uns und die Welt bewegen. In allen Dimensionen. Ein Ausblick.

Sind wir jetzt fertig mit 2020? Eher nicht. Aber wir haben echt viel geschafft. Alle zusammen. Die Welt ist bereit, sich langsam wieder in Gang zu setzen. Und voranzukommen. Bewegende Themen tauchen auf – am Horizont eines neuen Jahres – wie kleine Wolken, die langsam näher kommen. Und wie alle Wolken können sie schönste Formen annehmen oder zu Gewitterfronten werden. Oder sie lösen sich auf in Wohlgefallen. Schauen wir mal, was uns erwartet! Die Aussichten sind nämlich gar nicht schlecht – für alle, die auf Wandel stehen.

 

 

Was war, wird sich wandeln. Was wird, ist zu verhandeln.

Eines ist sicher: 2021 wird ganz anders als 2020. Aber es wird wohl auch nicht sehr viele Ähnlichkeiten mit den vorherigen Jahren haben. Denn erfahrungsgemäß zerreißen große Ereignisse die etablierten Baupläne der Zukunft. Was festgeschrieben stand, muss neu gefasst werden und steht zur Disposition. Beängstigend, aber so ein Bruch in der Geschichte kann auch große Chancen bieten, die unangenehmen Dinge loszuwerden. Tödliche Viren. Gefährliche Politiker. Zerstörerische Industrien. Faktenfreie Räume. Zu ersetzen etwa durch neue medizinische Möglichkeiten, robustere demokratische Ideale, eine komplett nachhaltige Versorgung und mythenfreie, ethisch-wissenschaftliche Diskurse.

Die Welt hält still. Gleich wird sie Anlauf nehmen, um weiter zu springen – vom Zeitalter der Aufregung in ein Zeitalter … des Dialogs? Oder der Lähmung? Der Verantwortung? Oder Verhärtung? Des Zusammenhalts? Oder Sichverlierens?

Nein, nach einem Jahr der Ängste und Verluste ist die Sorge nicht der beste Berater.

Und tatsächlich machen viele Dinge, die 2021 auf uns zukommen, eher Mut. Sie taugen ganz objektiv als Quellen des Optimismus. Quellen, aus denen Ströme des guten Handelns werden können. Gesellschaftlich. Politisch. Ökologisch. Ökonomisch. Sozial. Und kulturell.

Werfen wir einen Blick in die Zukunft!

 

 

Gesellschaftlich – Impfen, Durchhalten und Aufatmen

Eines steht fest: Wir Menschen werden langsam zurückkehren dürfen zu dem, was uns ausmacht. Diszipliniert und vorsichtig, versteht sich. Aber wenn wir mit besonnenem Verhalten und den voranschreitenden Impfungen – vielleicht am Ende des Sommers – eine Immunitätsquote von mindestens 70 Prozent erreicht haben (nicht mitzumachen wäre übrigens unverantwortlicher Egoismus), wird uns keine neue Inzidenzwelle mehr überrollen, sondern eine Welle der Freude erfüllen.

Wir werden tanzen, singen, schreien, uns umarmen, küssen und einander neu kennenlernen. Die Zeit wird wieder langsamer vergehen. Nicht, weil sie 2021 zum letzten Mal umgestellt wird – Zeitumstellung –, sondern weil unser Leben wieder angefüllt sein wird mit Erlebnissen, mit gemeinsamen physischen Handlungen und gegenständlich-kulturellem Input.

Es wird eine Herausforderung sein, die zur Normalität gewordene Komfortzone zu verlassen. Manche Freundschaften werden am Umgang mit der Pandemie unwiderruflich zerbrochen sein. Und nicht wenige Leben unwiederbringlich verloren. Aber es geht wieder weiter – und das vielleicht gemeinsamer denn je. Denn durch das große Vermissen persönlicher Kontakte werden wir besser wissen, was sie uns wert sein sollten.

 

 

 

Politisch – Hoffnung, Haltung, Handeln

Politisch wird das Jahr bekanntermaßen durch einen äußerst wohlklingenden Paukenschlag eingeläutet: Mit der Amtseinführung von Joe Biden als 46. Präsidenten der USA am 20. Januar 2021 endet die vierjährige Horrorshow des Donald Trump. Ein böser alter Weißer Mann hat Hass, Rassismus, Unmenschlichkeit, Dummheit, Lüge, Segregation und Umweltzerstörung perpetuiert. Jetzt ist sein Versuch, es einem Putin, Orbán oder Morawieki gleichzutun, gescheitert. Und vielleicht hören wir das nächste Mal von ihm, wenn er ins Gefängnis muss.

Die Vereinigten Staaten werden zurückfinden zum faktenbasierten demokratischen Miteinander, zur Verlässlichkeit, zum Multilateralismus und – ja – zum Pariser Klimaabkommen. Das wird nicht zuletzt beim G-20-Gipfel am 21. Mai in Italien eine Rolle spielen. Es wird aber auch zeigen, dass Populisten nicht immer gewinnen. Trump ist ein Vorbild für die AFD. Und dieses Vorbild hat verloren.

Im deutschen Superwahljahr 2021 kann das durchaus eine Rolle spielen. Neben der Wahl zum 20. Deutschen Bundestag finden Landtagswahlen in Rheinland-Pfalz, Baden-Württemberg, Thüringen, Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern statt; außerdem Kommunalwahlen in Hessen und Niedersachsen. Wird’s schwärzer, grüner, gelber, pinker oder roter? Keine Ahnung. Dass es aber blauer (bzw. brauner) wird, ist eher unwahrscheinlich. Den Rest bestimmt die Vernunft im Dialog mit der persönlichen Meinung.

 

 

 

Ökologisch – Intervenieren, Investieren und Erwachen

Jahresgleich mit dem politischen Sonnenaufgang in Nordamerika wird dort 2021 nicht nur eine ringförmige Sonnenfinsternis stattfinden, sondern auch ein tierisches Naturphänomen: das Wiedererwachen der Magicicada cassinii – einer 17 Jahre schlafenden Zikadenart. Man kann das durchaus symbolisch sehen für eine Reihe positiver ökologischer Perspektiven.

So bekommt CO2 mit dem 1.1.2021 in Deutschland endlich einen Preis, der dann sukzessive steigen soll. Costa Rica hingegen wird in diesem Jahr bereits klimaneutral sein. Immerhin hat die EU ihre Ziele nochmals korrigiert – von 55 auf 60 Prozent Reduktion der Treibhausgase bis 2030. Eine Folge für Deutschland: Die Förderung kleiner, alter Solaranalgen fällt 2021 nun doch nicht weg, sondern wurde durch das neu gefasste EEG verlängert. Der politische Druck zu handeln, steigt weiter. Und das ist gut.

Zwar wurde die eigentlich geplante neue EU-Öko-Verordnung auf 2022 verschoben, dafür tritt aber schon jetzt eine Ökodesign-Richtlinie der EU in Kraft. Sie soll der Wegwerfgesellschaft eine weitere Grenze setzen – durch die Verbesserung der Reparierbarkeit von Elektrogeräten.

Weitere Lichtblicke: Die Nachtzüge der Deutschen Bahn werden wieder fahren und auf dem geschlossenen Flughafen Tegel entsteht das größte Holzbauviertel der Welt.

Insgesamt ist sind auch positive Nachwirkungen der SARS-2-Pandemie zu erwarten. Viele Menschen haben 2020 ihr näheres Umfeld neu entdeckt. Wir werden vermutlich – wieder und immer mehr – in Deutschland oder den umliegenden Ländern Urlaub machen, anstatt auf andere Kontinente zu fliegen.

Außerdem sind spezielle Konjunkturpakte zu erwarten, um die Wirtschaft wieder anzukurbeln. Und es steht immerhin zu hoffen, dass diese verstärkt in Förderungen von nachhaltigen Branchen oder Unternehmen fließen.

 

 

Ökonomisch – back to the future of business

Nach der Talfahrt ist mit Aufschwung zu rechnen: Die Wirtschaft wird ihre Wunden lecken, sich recken und losrennen – hoffentlich nicht wie blöde. Denn alles nachzuholen, was 2020 verloren gegangen ist, wäre krank (allein schon klimatechnisch). Und eine Krankheit durch die nächste abzulösen … nicht so klug.

Indes werden neue Restaurants und Event-Spaces entstehen, wo es andere leider nicht geschafft haben. Vielleicht fangen sie auch wieder an; so, wie viele Menschen ihre Existenzen neu aufbauen müssen. Wir blicken dem Ende der Kurzarbeit und dem Entstehen neuer Stellen entgegen – spätestens im Herbst 2021.

Zweifellos wird die Gesellschaft auch wirtschaftstechnisch viel mitnehmen aus dem vergangenen Jahr. Homeoffice. Videokonferenzen. Online-Shopping. Um so schwerer steht es mit dem Erhalt einer physischen Infrastruktur. Aber eigentlich muss man sich da auch nicht allzu große Sorgen machen: Menschen wollen in Geschäfte gehen, andere sehen, Dinge anfassen. Wir brauchen das.

Was wir aber auch brauchen, ist Umdenken: eine Abkehr von fossilen Energieträgern, Verbrennungsmotoren, unmenschlichen Produktionsbedingungen sowie nicht-partizipativen Geschäftsmodellen. Ob die Branchen das wollen oder nicht – es wird passieren. Das ist bereits beschlossen. Und ab März 2021 geht es los.

Dann tritt zunächst einmal die EU Offenlegungsverordnung in Kraft. Sie verpflichtet alle Finanzmarktteilnehmer, genauestens zu beschreiben, wie nachhaltig (oder nicht nachhaltig) ihre Investitionsobjekte sind. Alles muss nach ESG-Kriterien aufgeschlüsselt werden: Umwelt, Soziales, Unternehmensführung. Zukünftig sollen Sustainable oder Impact Investments dann bevorzugt beworben werden – im Sinne der Ziele des EU Aktionsplans zur Finanzierung nachhaltigen Wachstums. Eine strenger Kriterienkatalog (Taxonomie) – wird die Anforderungen regeln. Und alles orientiert sich an großen Maximen: den 17 SDGs der Vereinten Nationen, die bis 2030 umgesetzt sein sollen.

Vereinfacht gesagt: Es wird sich immer weniger lohnen, in umweltschädliche, unethische und korrupte Unternehmen zu investieren. Das ist eine gute Nachricht.

 

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Sozial – Geld, Gemeinschaft und Gerechtigkeit

Dazu gehört übrigens auch, die Bedürfnisse und Interessen von Angestellten einzubeziehen und zu erfüllen. Nach dem neoliberalistischen Irrweg der letzten zwei Jahrzehnte werden die Chöre der Forderungen dankenswerterweise wieder lauter. Die soziale Dimension des Jahres 2021 ist nicht zu unterschätzen.

Viele junge Menschen der Generation Y und Z fordern schon seit Jahren gute Arbeitsbedingungen ein. Ihr Pfund: der Fachkräftemangel. Und angesichts disruptiver Wirtschaftsmodelle und Steuervermeidungsstrategien von fragwürdigen Start-ups und Internetkonzernen kommen Verteilungsfragen neu auf den Tisch – eine bessere Vergütung bei Versandhändlern zum Beispiel. Die Politik ist unter Druck, kämpft um ihre Glaubwürdigkeit, wenn sie das Wort ’sozial‘ auch nur benutzt. Und sie wird sich zunehmend Mühe geben müssen, um für mehr Gerechtigkeit zu sorgen. Ein paar positive Auswirkungen davon sind ja bereits zu sehen.

Mit dem 1. Januar 2021 starten zwei sozialpolitische Projekte. Zum einen die Grundrente. Zum anderen das Gesundheitsversorgungs- und Pflegeverbesserungsgesetz (GPVG). Außerdem läuft noch eine Studie zum bedingungslosen Grundeinkommen an (monatlich 1200 Euro für 1500 Teilnehmende über 3 Jahre). Und an anderen Fronten sorgen sogar Unternehmen dafür, dass weniger gearbeitet und mehr verdient werden kann – mit Experimenten wie der 4-Tage-Woche bei vollem Lohnausgleich, die sogar von Großkonzernen wie Unilever erfolgreich umgesetzt werden.

 

 

 

Kulturell – ist sehr wohl und verdammt essenziell

2020 hat uns auch gezeigt, wie wichtig Kultur ist – in allen ihren Formen. Menschen vermissen sie: die emotionale Energie eines guten Konzerts, die intellektuelle Stimulation des Theaterbesuchs, die jubelnde Verbundenheit beim Fußballspiel, die mentale Reise im Kinosessel oder die Extase einer wilden Clubnacht. Ja, Kultur ist systemrelevant, weil wir sonst auf Dauer irre werden – verloren in den lapidaren Filterblasen von sozialen Medien und Streamingdiensten.

Das Jahr 2021 wird auch ein Wiederaufleben der Kultur. Künstler*innen aller Gewerke und Stile bereiten sich schon jetzt darauf vor – wohlgemerkt mit großer Unsicherheit. Vermutlich werden es zunächst kleine Veranstaltungen sein. Und keinesfalls vor Frühlingsbeginn. Umso mehr Wertschätzung sollten wir ihnen entgegenbringen. In welchem Rahmen sportliche Großveranstaltungen wie die 32. Olympische Sommerspiele oder der UEFA Cup stattfinden können, ist schwer zu sagen. Aber sie könnten eine strikte Begrenzung der Zuschauenden wohl noch am ehesten vertragen. Mehr Sorgen dürfen wir uns um DJ*nes machen, um Musiker*innen, Kleinkünstler*innen, freie Schauspieler*innen. Und die freuen sich bestimmt genauso auf den nächsten Auftritt – wie wir uns auf den nächsten Besuch ihres Events.

Wir können uns jedenfalls schon mal darauf einstellen, das Ende des kommenden Sommers nicht als Beruhigung des öffentlichen Lebens, sondern als Explosion der Kultur und Kreativität zu erleben. Es wird lebendiger in den Locations und bunter in unseren Köpfen werden. 2021 wird mit einem Feuerwerk enden – nicht aus Raketen, sondern aus Inspirationen.

 

 

Zeitübergreifend und global – was uns weiter beschäftigen wird

Keine Frage, die großen Probleme werden uns weiter begleiten (vor allem, wenn wir sie nicht angehen): Klimawandel, Umweltzerstörung, Ungerechtigkeit, Krieg. In reichen Ländern wie dem unseren sind wir aber auch alle mitverantwortlich dafür, dass es sie überhaupt gibt. Und so tun wir gut daran, nicht nur die große Leere von 2020, sondern auch die vielen positiven Impulse von 2021 zu nutzen, um weiter damit aufzuräumen. Durch Dialog und Engagement.

Denn was auch bleibt, sind die neuen Megatrends und gesellschaftlichen Diskursfelder: Digitalisierung, Nachhaltigkeit, Gesundheit. Aber auch ganz konkrete Aufgaben wie der Kampf für gleichberechtigtes, diskriminierungsfreies Leben als Ablösung einer alten, weiß-patriarchalen Ordnung; der Widerstreit von Vernunft und Verschwörungsmythos oder die Utopie einer Vereinigung von ökologischer und industrieller Landwirtschaft (die dann vielleicht weder Kuhhorn- noch Pestizidpräparate ausbringt – und trotzdem nachhaltig naturverträglich funktioniert, überall). Es gibt so viele Themen und Möglichkeiten jenseits von Corona. Aber immerhin haben wir im vergangenen Jahr einmal gelernt, dass es für die Menschheit keine zu großen Probleme gibt – nur zu kleine Köpfe.

 

 

Bis in Bälde: Freude, schöner Freiheitsfunken!

Ich freue mich – wie sehr viele – auf 2021. Es verspricht nicht nur mehr Freiheit und Unbefangenheit, sondern auch mehr Raum für zukunftsfähigen Wandel – und weniger für revisionistische Tendenzen. Es wird als strahlender Beweis für die Kraft der globalen Gemeinschaft in die Geschichtsbücher eingehen – für das, was wir schaffen können, als Vorbild für anstehende Herausforderungen.

Aber es wird uns auch allen weiter viel Geduld abringen, besonders in den ersten Monaten. Denn wir haben gesehen, wie langsam es gehen kann – und doch wie beständig unaufhaltsam voran. Wir können und müssen „mit Optimismus diszipliniert sein“, wie der Epidemiologe Dirk Brockmann kürzlich im Deutschlandfunk sagte.

Bevor sich die Mensch-Maschine namens Gesellschaft dann wieder in Gang setzt, können wir uns jetzt alle noch mal schön einkuscheln und uns vorstellen, wie das denn alles so werden wird. Zeit, zu träumen. Zeit, zu planen. Zeit, den langsamen Fluss derselben zu genießen.

 

Ich wünsche Euch im Namen der Preussenquelle schöne, gemütliche, sinnliche Tage und einen außerordentlich bewussten Start ins neue Jahr!




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