Generation mach mal!



Generation mach mal!
23. Januar 2019  ·  von Ronny Weise



Guten Morgen Zukunft! Heute bist du jung. Morgen gehört dir die Welt. Und darum wollen wir wissen, was dich im Innersten zusammenhält. Denn du – Generation von morgen – musst es besser machen als alle davor; zumindest, wenn du überleben willst auf einer von uns ganz schön kaputtgemachten Erde. Hast du also mehr drauf als wir oder ist alles verloren? Oder gibt es dich am Ende gar nicht, du Generation XYZ? Wir haben dich gesucht und uns selbst in dir gefunden: mitten in der Stadt – mit einem Lächeln.

Die Jungen, Nachfolgenden, Progressiven – sie werden von der älteren Generation gern infrage gestellt und kritisiert. Ein bekanntes Phänomen. Da wird über den Verfall von Sitten gemosert, von Werten, die verloren gingen und über eine Welt, die mit diesen Werten unterginge. Immer wieder. Und immer wieder dann doch nicht.

Denn dieses ostentative Mosern über den Verfall der Jugend ertönt seit Jahrtausenden aus den Reihen der Alternden wie das gleichförmige Geräusch jener berühmten Bartwickelmaschine aus dem Keller – wahrscheinlich schon, seitdem es überhaupt Alte und Junge gibt. Soziologisch kann man das bereits in der griechischen Antike belegen. Mittlerweile gibt es sogar einen Fachbegriff dafür: „Juvenoia“, die Angst, dass sich mit der nächsten Generation alles zum Schlechten wendet.

Die Angst ist mit den Älteren

Jenen Pessimismus in Bezug auf die Jugend hat es zu allen Zeiten gegeben. Menschen haben immer so gedacht, weil sie immer bemüht sind, den Status quo aufrecht zu erhalten. Und natürlich handelt es sich bei dieser Angst um einen Trugschluss. Denn meistens sind die Gesellschaften in der Geschichte ja nicht verfallen, sondern haben sich langfristig positiv entwickelt – zumindest im Vergleich zu dem, was vorher war. Drei Beispiele nur: der Weg vom Königreich zur Demokratie, von der religiösen Verblendung zur Aufklärung, vom Machismo zum Gender-Mainstreaming.

 

Herausforderungen tragen die Jungen

Der Trend über die Jahrhunderte ist also tendenziell positiv. Allerdings scheint unsere Welt momentan und absehbar an vielen Stellen auseinanderzubrechen. Auch dazu nur drei Stichworte: Klimawandel, Ressourcenverknappung, Systemkrise. Damit müssen wir klarkommen. Aber vor allem jene, die nach uns kommen. Denn diese Herausforderungen sind keine kurzzeitigen Phänomene.

Es braucht viel, um ihnen zu begegnen. Ein weltweite, gut gebildete, nachhaltig agierende Gesellschaft mit einer neuen Art des Arbeitens, Wirtschaften und gemeinsamen Entscheidens wird nötig sein – kurz: ein völlig anders Leben. Umso interessanter ist es, sich einmal anzuschauen, wie die Jungen denn so drauf sind und ob die das schaffen können.

Bleibt alles anders?

Eine Generation, die sich von den aktuellen Werten verabschiedet – zumindest von so destruktiven Gedanken wie etwa dem stetigen Wachstum –, wäre eigentlich das Beste für unsere Gesellschaft. Denn wie bisher, können wir nicht weitermachen. Aber was treibt die nächste Generation um? Was unterscheidet jene, die uns folgen, von denen, die uns vorausgingen? Zunächst einmal muss man sich klar sein, dass es immer ein Konstrukt ist, wenn wir Menschen zu Gruppen zusammenfassen.

Das Konstrukt der Zusammengehörigkeit

Biologisch dauert eine Generation ungefähr so lange, wie ein aufwachsender Mensch braucht, bis er anfängt, sich fortzupflanzen. Das sind circa 15 bis 20 Jahre. Soziologisch allerdings wird sie als Kohorte zusammengefasst, der dann eine bestimmte kulturelle Konstellation zugeordnet ist; vereinfacht gesagt eine Art Ära. Daraus wiederum können schlaue Leute gewisse Lebensweisen und Werte ableiten, welche auf die jeweilige Generation zutreffen sollen (oder auch nicht). Diese Schlüsse lassen sich recht gut in handliche Pakete packen und fungieren heutzutage gern als Basis für Küchengespräche oder Marketingmaßnahmen.

Talkin’ ’bout my generation

Demnach hat jede Generation ihren eigenen Spirit. Während die in Zeiten der Weltkriege Geborenen als eher ängstlich, traditionell, sparsam und redlich galten, sind ihre Nachfolger – die Baby-boomer – von Wohlstand und Freiheitswillen geprägt. In der bipolaren Weltordnung des kalten Krieges haben sie ihr Leben als eine Neudefinierung von Werten entfaltet, wenn man etwa an die 60er Jahre denkt. Liberale politische Einstellungen sowie sich ausbreitender Individualismus sind die Kinder dieser Zeit. Und diese Kinder wiederum formen die Generation X – den Vorläufer des aktuellen Jugendkonstrukts namens Y oder Z.

Generation X – no Future

Meine Generation – Gen X – ist von zwei Dingen geprägt: Systemumbruch und Wohlstandsverlust. Unserer Kohorte hat es die einst stabile Welt der Eltern quasi auf neoliberale Weise um die Ohren gehauen. Das schlägt sich einerseits in Konsumverweigerung und zum Teil in vergleichsweise prekären Verhältnissen einstmals Gutverdienender nieder, andererseits in einer verstärkten Politisierung mit verzweifelter Sinnsuche, aber auch im Versuch, sich wirtschaftlich selbst zu verwirklichen. Die Öko-Szene der 80er-Jahre ist ein Beispiel für Gen X, der Start-up-Boom ab den 90er Jahren ein anderes, das allerdings schon zur nächsten Generation überleitet.

Generation Y – my Future

Da steht sie nun im Hier und Jetzt: die Generation Y. Geprägt vom rasanten gesellschaftlichen Wandel und einem multioptionalen Leben. Die ihr zugerechneten Individuen sind heute zwischen 20 und 35, werden in bestimmten Zusammenhängen auch Millennials oder Digital Natives oder gar Generation Me genannt. Natürlich unterliegen diese jungen Leute aktuell der Missgunst aller vorher genannten Generationen. Gut gebildet, karrierebewusst und konsumorientiert taugen die meist gut situierten Weltstürmer hervorragend als Gegenstand der Kritik. So unsicher ihre Zukunft ist, so groß die Angst davor, keinen Platz in der Gesellschaft zu finden; so vorsichtig und unpolitisch zeigt sich dann auch ihre Haltung – oftmals gepaart mit selbstoptimierter, digitaler Egomanie. Das sagt unsere Analyse. Aber stimmt das denn?

X trifft Y – und staunt

Ja, als Vertreter der Gen X kann ich natürliche gewisse Unterschiede zu den Millennials feststellen. Die momentanen Twentysomethings aus Berlin, mit denen ich mich für diesen Beitrag unterhalten habe, scheinen etwas artiger zu sein, angepasster als wir damals, gleichsam schneller und flexibler im Umgang mit Veränderungen. Allerdings sind sie mir – Überraschung! – in vielen Dingen auch sehr ähnlich, wenn ich mal ganz ehrlich bin. Meine Generation ist ähnlich individualistisch. Wir haben genau so große Zukunftsangst, weil die Welt in unseren 20ern anfing, extrem unübersichtlich zu werden. Was wir damals taten, tun die heute übrigens auch: hart feiern und versuchen, auszubrechen. Alles irgendwie vertraut.

 

Goodbye Generationsbegriff

Man darf also nicht vergessen, dass kulturelle Veränderungen von Generation zu Generation fließend sind. Verallgemeinernde Gruppenbegriffe lassen sich durch einen Abgleich mit der Realität leicht relativieren. Laut einer Studie der Zeit allerdings, ist die Generationengeschichte an sich schon Unsinn. Darin gaben die Vertreter verschiedener Altersgruppen – nach ihren Werten befragt – alle ähnliche Antworten, vertraten also mehr oder weniger die gleichen Standpunkte. Egal, welche Generation. Allein ein postuliertes Merkmal der Digital Natives hielt der Überprüfung stand, nämlich jenes, weniger politisch zu sein. Und selbst an dieser Stelle müsste man noch mal überlegen, ob gesellschaftlich-politisches Engagement heute vielleicht oft eine implizite Tätigkeit ist, die sich anders manifestiert als noch vor 50 Jahren.

Eine Frage des Zeitgeists

Kultur und Werte wandeln sich. Das ist keine Frage. Und sie wandeln sich wahrscheinlich auch zuerst bei der jeweils jungen Generation – aber dort bleiben sie eben nicht lange. Das, was heute die Jugend bewegt, wird schnell zum Leitmotiv der ganzen Gesellschaft. Niemand ist so und so. Niemand bleibt, was er ist. Neue Dinge brauchen heutzutage allenfalls ein paar Jahre, um in unsere alten Köpfe zu sickern, dort einen Lernvorgang auszulösen und sich als ‚normal‘ zu manifestieren.

Größere Unterschiede gibt es da weniger zwischen Jungen und Alten, als vielmehr zwischen sozial Bessergestellten und ärmeren Teilen der Bevölkerung oder zwischen Stadt und Land. Die Mythen der Generationen (Krieg, Babyboomer, X und Y) sind keine festen Größen, sondern illustrieren den Wandel der Werte. Im Grunde gibt es nur die Generation Jetzt – mit verschiedenen Ausprägungen.

Generation Großstadt

Die Optionen der Zukunft werden heutzutage in den Metropolen durchgespielt. Und dabei nimmt Berlin eine besondere Rolle ein, weil alternative Lebensentwürfe und Subkultur in der Hauptstadt schon seit mehr als einem halben Jahrhundert Mainstream sind. Hier darf man auch als Fünfzigjähriger mit Tattoos und Hipsterbart über die Streetfood-Märkte schlendern oder nachts durch die Klubs. Viel wichtiger ist es aber, sich von positiven Entwürfen der aktuellen Trendgeneration inspirieren zu lassen. Und davon gibt es sogar ein paar ganz Interessante.

Bewusster Konsum als Form der Politik

Auch wenn es der imaginären Generation Y augenscheinlich an politischem Geist mangeln mag – denn es mangelt unserer gesamten Gesellschaft daran –, so hat sie trotzdem viele Ausdrucksformen, welche die Welt nachhaltig verändern können. Unter jungen Metropolitans gehört es momentan fast zum guten Ton, vegan zu sein. Auch Bio ist etwas weithin Selbstverständliches. Das bewusste Gestalten des Speiseplans ein Ausdruck von Individualität. Ach, und Auto? Fährt man nicht. Stattdessen ist das Fahrrad als Fixie oder Retro-Bike zum Ausdruck des guten Geschmacks avanciert. Im Grunde liegen die Wurzeln für den Ansatz, dass man auch mit seinem Konsum politisch einwirken kann, im Beginn der Bio-Bewegung, die in Berlin Mainstream ist.

Von der Selbstbestimmung zur Trendwende

Und der Drang der Selbstbestimmung setzt sich fort: Die junge Generation Großstadt trifft kaum eine Kaufentscheidung, ohne sich mit ihrer Peergroup abzustimmen. Das macht sie zu wesentlich bewussteren Konsumenten. Auch autodidaktische Herangehensweisen sind wieder auf dem Vormarsch und konkurrieren mit klassischen Bildungseinrichtungen. Die Wenigsten der neu auf den Berufsmarkt Drängenden haben Lust, sich ausnutzen zu lassen, sondern wollen wenigstens von den Arbeitnehmern umworben werden. Viele gründen ihre eigenen kleinen Betriebe und verwirklichen sich selbst. Das Risiko ist für sie dabei so vertraut und selbstverständlich wie eine nachhaltige Ausrichtung ihrer Start-ups, ihrer lokal produzierenden, technologisch gestützten Minimanufakturen. Wer allerdings in der Lage ist, sich bewusst und multioptional selbst zu verwirklichen, hat vielleicht auch genug Flexibilität im Sack, um auf der großen Skala einen Unterschied zu machen.

 

 

Unsere Aufgabe: jung bleiben

Am Ende des Tages sind wir uns alle ähnlicher, als wir glauben wollen. Die Älteren hatten eben mehr Zeit, Fehler zu machen – zum gleichen Zeitpunkt haben die Jüngeren weniger Zeit gehabt, es besser zu machen. Aber sie scheinen doch ganz gut gerüstet zu sein, um uns bequemer Werdenden ein paar Impulse zu geben. Je mehr wir einander verstehen, je mehr wir miteinander sprechen, desto größer ist vielleicht auch die Chance, etwas zu ändern am Kurs der Menschheit.

Wir dürfen auch nicht vergessen: Jede*r, der/die älter ist als 35, muss sich den Schuh anziehen, dass er oder sie unmittelbaren Einfluss auf das Leben der Nachfolgegeneration ausübt – und damit auf das zukünftige Sein der Welt. Alle sind verantwortlich. Da lohnt es sich nicht, auf die Jugend zu schimpfen. Besser ist es, den Wandel der Gesellschaft gemeinsam zu gestalten und – um es mal pathetisch auszudrücken – die Welt zu retten. Diese Aufgabe geht uns alle an.

(Fotos: Keno-Julien Stieldorf / Frank Stieldorf)



0 Kommentare




Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*

*

test