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Oh, du fröhliche Muße



Oh, du fröhliche Muße
10. Dezember 2018  ·  von Ronny Weise



Winter. Weihnachten. Kerzenschein. Beisammensein. Schöne Bilder, die sich hervorragend verkaufen lassen. Was aber bleibt, wenn man all den Klimbim herum wegnimmt? Hui, zunächst bleibt da ein Wirbelsturm aus Eindrücken, Aufgaben, Verpflichtungen und Interaktionen, der sich legen muss. Ein Sturm aus weißen Flocken in der gläsernen Schneekugel, die unser Kopf ist. Wenn wir dann aber tatsächlich innehalten, wird sichtbar, was uns mal ganz gut täte – nämlich nichts. Nichts zu tun. Die goldene Muße. Unser größter Winterschatz.

Es war ein Biobauer aus Brandenburg, der mir mal den Winter erklärt hat. Für ihn, wie er mir schilderte, wäre es eine wunderschöne Zeit: die schönste aller Jahreszeiten. Ich fragte eifrig nach dem Grund. Denn Kälte und Kargheit erwecken doch eigentlich eher unwirtliche Gefühle – im Gegensatz zum fröhlichen Sommerleben. Der Bauer aber meinte, dass ihm jenes zurückgezogene Nichts des Winters am meisten Zeit gäbe für die eigene Wesentlichkeit. An sich selbst. Mit sich selbst. Für sich selbst. Im Rhythmus der Natur.

Die Natur macht’s vor. Und wer macht mit?

Es gäbe an der dunklen Jahreszeit nichts Trauriges oder Totes, sondern vielmehr etwas Friedliches, Ruhiges, Geschütztes. Und er ließ ein paar Beispiele in mein Gemüt rieseln – wie Schneeflocken aus den Wolken: Draußen auf dem kargen Feld, da würde der Boden in sich kehren und Kraft sammeln, sanft vom Schnee bedeckt. Im Wald schliefen die Bäume Stamm an Stamm gekuschelt, um sich vom Wachsen auszuruhen. Und bei Frost fände sogar das Wasser im See einmal Gelegenheit, innezuhalten. Sein Erstarren wäre schließlich nichts Endgültiges, sondern die Voraussetzung zur Möglichkeit der Bewegung. Ohne Kälte keine Idee der Hitze. Ohne Tal kein Berg. Ohne Stop kein Go. Eine quasi-philosophische Angelegenheit. Und das Normalste von der Welt. 

 

Ab auf die Couch!

Man solle sich also ein Beispiel an der Natur nehmen, so der Landwirt; man solle ihr folgen – und zwar ins Wohnzimmer auf die Couch, um dort einfach mal nichts zu tun; sich selbst auf die Pause zu konzentrieren. Ja, vielleicht, um sich zu sammeln, um über das Sein und das Nichtssein nachzudenken. Vielleicht, um zu reflektieren, Pläne zu schmieden oder zu genießen. Vielleicht aber auch einfach nur so, weil es nicht für alles eine Absicht braucht. 

Es darf auch einfach mal egal sein

Solch gepflegte Muße ohne Sinn und Zweck ist ein weithin verachtetes Kulturgut. Sich mal fallen lassen? Keiner Erwartung folgen? Die Konsequenzen absichtlich missachten? Der Verantwortung den Ball zurückspielen? Denn: Darf die große Aufgabe nicht auch mal allein auf einem steuerlosen Schiff im Pazifik unterwegs sein? Würde ihr möglicherweise ganz guttun, um sich von der Sorge zu lösen … oder?

Ade Ideologie!

Aber so eine Einstellung gehörte schon im Altertum als Acedia zu den sieben Todsünden. Tätigkeit ist Tugend, Stillstand der Tod vor dem Herrn. In der frühen Neuzeit erhob das Gespenst des Calvinismus sein ewigliches Fleißigsein sogar zum Selbstzweck des Lebens. Und leider haben wir uns heute auch noch nicht wirklich von diesen Schicksalsmythen emanzipiert. Unsere Leistungsgesellschaft fordert jeden Einzelnen immer wieder heraus.

Ihr könnt mich mal – in Ruhe lassen!

Wir sind darauf programmiert: Wer nichts tut, ist nichts wert. Wer sich keine Mühe gibt, hat nichts verdient. Wer nicht besonders sein will, kann das letzte Quäntchen Anerkennung in der Pfeife rauchen, allein. Und Freizeit wird oft zur verordneten Gelegenheit, sich beflissen zu definieren – für andere. Selbstoptimierung. Show-off auf Instagram. Perfekte Fotos. Ein perfektes Dinner. Das perfekte Weihnachtsfest. Was für ein Quatsch! Stattdessen sollten wir der Fremdwahrnehmung eine Absage erteilen und uns zur Abwechslung mal in uns selbst verlieren; im schönen Ozean der sinnlos dahintreibenden Zeit. 

 

Alles ist gut, und nichts noch viel besser

Natürlich sind Pausen kein Selbstzweck und auch nichts Sinnloses, sondern eigentlich äußerst sinnfällig, zumal für fleißige Arbeiter und Reflektierer. Der Biobauer mit seinen liebevoll schnarchenden Landschaften hat uns dafür bereits allegorisch auf den Weg der entspannten Erkenntnis geschickt. Ein feiner, natürlicher Weg, dem wir gern folgen wollen, zurück zur Quelle, zu den großen Erzählungen unserer Kultur. Nur einen Moment noch! 

Weil schön ist, was keinen Sinn ergibt

Denn wie geht das eigentlich mit der zweckbefreiten Pause? Dafür gibt es natürlich keine Anleitung. Braucht es auch nicht. Aber man soll ja mit Beispielen nicht geizen. Lassen wir also einen kleinen Film vor unserem inneren Auge ablaufen; von Menschen, die tun, was niemandem nützt, außer vielleicht ihrem eigenen Wohlbefinden. Was sie tun, könnte etwa so aussehen: 

Drei Stunden lang auf eine Kerze schauen, dann das Licht ausmachen und dem Rauschen der Heizung lauschen; aus dem Fenster gucken und sich vorstellen, was die nachbarlichen Schatten da so für Gespräche führen, ein Buch aus der Kindheit hervorkramen und in Begleitung guter Schokolade lesen oder seine Lieblingsserie auf Netflix zum dritten Mal komplett durchschauen; sich ohne Ziel, ohne etwas zu Lesen, ohne Smartphone, ohne Begleitung in die S-Bahn setzen und einfach nicht mehr aussteigen oder einen ganzen Tag mit seiner Liebe im Bett verbringen … Oh süße Sünde, die Möglichkeiten sind endlos! 

Die Pause als Urzustand

Wie man seine Winterpausen gestaltet, ist eine Frage der Fantasie. Und sie macht großen Spaß, wenn man sich ihr hingibt. Nehmen wir uns ein Beispiel an den Kindern, die vermeintlich sinnlos, ohne Ziel im Sand spielen und dabei die Welt vergessen! Das Sich-gehen-Lassen, das Freisein, das Unverwertbare scheint eine Art notwendiger Urzustand für ihre Entwicklung zu sein. Jedes Samenkorn muss auf den Regen warten, jedes Eichhörnchen auf den Frühling – und jede unserer Taten hat sich täglich zu gedulden bis zum Ende der Nacht, weil wir ohne Schlaf nämlich auch nicht vorankämen (sondern schlicht und einfach sterben würden). 

Nicht umsonst gibt es im Französischen das Sprichwort reculer pour mieux sauter: „einen Schritt zurückgehen, um weiter zu springen.“ Das ist angenehm, aber es ist auch sinnvoll – womit wir wieder beim Argumentieren wären, weil man sich schließlich für jede Untätigkeit rechtfertigen muss, nicht wahr?

 

Gegensätze ziehen das Leben an

Gut, dafür rechtfertigen wir uns gern. Denn auch das freie Denken braucht zwecklose Muße als notwendige Voraussetzung. Erkenntnis, Kreativität, Kunst, Innovationen und Initiativen – all das entsteht nicht aus purem, harten Handeln. Und dieser Blick auf unseren inneren Schweinehund, der eigentlich ein ganz zartes, sanftes, aber auch wichtiges Wesen ist, führt uns weg vom Stigma der Faulheit, aber auch weg von den bloßen Freuden des Nichtstuns: hin zu seiner Verankerung in Kosmos und Kultur. 

Was zum Beispiel wissen wir über die Entstehung des Universums – über das, was vorher war? Keine Ahnung. Nichts. Möglicherweise eine Pause, aus der alles entstanden ist. Oder: Gäbe es eine Ladung ohne die andere, Positiv ohne Negativ, Proton ohne Elektron, Sterne ohne interstellaren Raum? Natürlich nicht. Alles scheint einigermaßen polar organisiert zu sein in der physikalischen Welt. Selbst das Wasser ist nur so einmalig, weil es als Dipolmolekül von den Gegensätzen in sich selbst lebt. Und alles Leben scheint diese immanenten Antipoden aufzugreifen.

 

Yin und Yang – Stop and Go

Nicht umsonst kondensiert sich der notwendige Gegensatz von Bewegung und Stillstand im Grundprinzip des Daoismus (Yin und Yang), welcher es sozusagen auf den Punkt bringt. Aber dieser berühmte, in sich verschlungene Kreis ist nur eine Erscheinungsform des ewigen Zusammenhangs von Auf und Ab in unserer Kultur. In zahlreichen Bildern, in so ziemlich allen menschlichen Mythen findet er sich wieder. Unsere großen Geschichten reflektieren die voneinander abhängigen Gegensätze der Natur. Sie erinnern uns daran, wie das Leben eben ist. Und wie man es nehmen sollte: nicht zu gleichförmig.

In den großen Geschichten

Zum Beispiel in den vertrauten abendländischen Religionen: Da sind es Himmel und Hölle, die einander entgegenstehen und sich gegenseitig bedingen. Die griechische Mythologie berichtet von Hydros und Gaia, von Hemera und Nyx oder Zeus und Prometheus. Im alten Ägypten sind es Re und Nut. In der aztekischen Weltvorstellung Tonatiuh und Tecciztecatl. Jede Kultur, jede Geschichte hat ihre Antagonisten und bezieht ihre Erzählkraft aus dem Widerspiel der beiden. Und solche Werke prägen unser Erleben, unsere Vorstellung, unsere Fantasie. Um ihnen zuzuhören, ihnen zu folgen und mit ihnen zu uns selbst zu reisen, müssen wir innehalten, das Passiv zulassen. Und jedes Mal, wenn wir das tun, wächst etwas in uns. Etwas Unsichtbares, Unfassbares, etwas wirklich Schönes. 

Die Bedeutung des Ganzen

Dass der Winter uns eine wunderbare Gelegenheit zur inneren Pause sein sollte – dieser Ansatz ist also auf dem Mist des Biobauerns gewachsen (wie anfangs berichtet). Und so viel Wirklichkeit entsteht aus diesem einen Gedanken: Die kalte Jahreszeit scheint im großen Zusammenhang das zu sein, was dem Tag die Nacht ist, und was einem Menschenleben sein Ende bedeutet. Denn es ist die Sterblichkeit, die unser Sein definiert. Aus ihr entstehen wir durch unsere Kinder immer wieder neu. Wir sollten das annehmen, anstatt uns davor zu fürchten. Und gleichsam dürfen wir die Pause in uns so täglich wie jährlich zelebrieren, weil sie kein Stillstand ist, sondern ein Teil von uns. Ein Teil, der so wichtig ist, wie das, was wir erschaffen. Ja, wer sie kultiviert und pflegt, dar darf ruhig auch auf seine Muße stolz sein. 

 

Guten Morgen Kerzenschein

All diese Worte dürfen gern als Loblied an die Faulheit und an die Träumerei verstanden werden. Sie sollen allerdings nicht bedeuten, dass wir Weihnachten doch am besten verschlafen. Nicht ganz! Der Winter ist schließlich lang und bietet genug Gelegenheit, sich zu entspannen. Doch auch beim Fest des Zusammenkommens darf man sich ein wenig vom dolce far niente inspirieren lassen. Es muss nicht immer alles ideal sein und schon gar nicht so wie immer. 

„Was ist wirklich wichtig?“, mag man sich fragen. „Auf dies und das kann ich getrost und gern verzichten“, könnte man beschließen. Und man darf seine Liebsten ruhig, anstatt sie mit rituellem Aktionismus abzulenken, animieren, sich einmal zurückzulehnen.

 

Start in den Stillstand

Dann kommt das neue Jahr. Und alles bleibt beim Alten? Nicht alles. Zur Hektik müssen wir vielleicht ab und an zurückkehren, aber wir können ihr trotzdem öfter das Gesicht von hinten zeigen. Bei all den Vorhaben, die wir uns so setzen, um dann an unseren hohen Ambitionen scheitern, wäre es ein interessantes Ziel, diese Bestrebungen 2019 mit angenehmen Pausen zu versehen. Es könnte die Erfolgsquote erhöhen – die des persönlichen Wohlbefindens allemal.

Die Pause sei mit Dir!

Ich habe mir das Bild der Winterruhe in meinen imaginären Rucksack gepackt und trage es stets bei mir. Das Bild vom Biobauern, der aus seiner warmen Stube durchs Fenster hinaus auf die schneeweißen Felder schaut, seine Augen über dieses minimalistische Landschaftsporträt wandern lässt bis zum grünen Fleckchen am Horizont, das ein schlafendes Tannenwäldchen ist, über dem der von Wolken behangene, spätnachmittägliche Himmel langsam von der hereinziehenden Nacht schwarz eingefärbt wird. 

Drinnen auf dem Tisch dampft eine Tasse Tee, in welcher sich das Flackern einer schmucklosen Kerze spiegelt. Er atmet tief durch, der gute Mann, denkt an nichts und wartet, bis die Flamme beginnt, sich im Dunkel vor dem Fenster zu spiegeln. Und er schaut zu. Und macht nichts, bis dass der Frühling kommt. 

Willkommen im Winter

Ja, diesen Landwirt gibt es wirklich. Und dieses Bild kommt in der Realität tatsächlich vor. Natürlich mit Unterbrechungen, mit Frau, mit Kindern, mit Tieren und mit täglichen Aufgaben, die auch Biobauern im Winter haben. Aber diese Szene, dieser traumartige Moment – er ist symbolisch für uns alle da. Wir können ihn uns reservieren, an 365 Tagen im Jahr. Wir können ihn hervorholen und – mit ein bisschen gutem Willen und cleverem Zeitmanagement – jederzeit leben. Am besten jedoch geht das jetzt im Winter. 

Dafür wünsche ich im Namen der ganzen PreussenQuelle ein schönes Fest der heiligen Untätigkeit, eine fröhliche Muße und einen entspannten Start ins neue Jahr!

 

 

Ronny Weise

Ronny Weise, freier Autor und Werbetexter, setzt seine zehn Finger seit 2010 für die Berliner Bioszene ein, bewegt sich fast immer mit dem Fahrrad fort, surft am liebsten an der Steilküste von Wikipedia, liebt das Treiben der Metropole so sehr wie die Ruhe der Natur und speist seine Ideen aus genau diesem Spannungsfeld.
Ronny Weise

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