Hiergeblieben – Urlaub zuhause



Hiergeblieben – Urlaub zuhause



Von kleinen Sommerfreuden, für die man nicht groß rumkommen muss

 

Hier ist der Sommer. Und wo sind wir? Genau an dem Ort, der uns sonst um diese Jahreszeit allzu gern vermisst: in der Stadt. Weil sich einige von uns vielleicht entschlossen haben, trotz aller Lockerungen erst mal nicht wegzufahren. Und damit bietet sich eine Riesenchance, viele kleine Dinge zu tun, die im Alltag normalerweise untergehen. Urlaub in Berlin. Der Ausflug ins Hier ist das neue Ich-bin-dann-mal-weg. Und es ist jetzt. Attraktiver denn je. Man* muss sich nur dafür entscheiden.

Besucherboot auf der Spree in Berlin

Still wartet die Idylle einer von unserem Alltag unberührten Parallelwelt des Hierseins-Tourismus.

Urlaub zuhause statt stressiger Sause

Mir ist heute irgendwie nicht nach Reisen. Geht es Euch auch manchmal so? Immer dieses Hin und Her! Einsteigen. Aussteigen. Einchecken. Auspacken. Einschlafen. Aufwachen. Einpacken. Auschecken. Und von vorn. Ständig in Bewegung. Oder nur in Bewegung, um ganz weit weg den absoluten Stillstand zu erreichen. Und dann zwischendurch auch noch der Stress mit dem Virus? An der Ost- oder Südsee. In den Alpen oder den Anden. Im Abteil oder Restaurant. Muss das sein? Nö. Hier muss heute gar nichts.

 

Kontemplativer Blick auf einen sommerlichen See mit Frau im Vordergrund

Das andere Ufer ist eine Frage der Blickrichtung – und es gibt keinen Grund, dafür in den Flieger zu steigen.

 

Schau dir das Hier mal von der anderen Seite an!

Das Schöne ist doch: Berlin hat ein Brandenburg – und Brandenburg wahrscheinlich mehr Seen, als es Meere gibt (erkunden!). Zu klein die Plansche? Dann steigen wir doch einfach auf einen stadtrandnahen Hügel und lassen unsere Blicke im Sonnenuntergang über einen unwirklichen Ozean aus flachen Feldern, Wiesen und Wäldern schweifen.

Zu vertraut die Formen und Farben der heimischen Landschaft? Dann tauchen wir doch ein in die abseitigen Tiefen der Stadt, schwimmen ziellos ohne digitalen Kompass durch uns unbekannte Straßen, genießen das analoge Abenteuer, verfolgt von geheimnisvollen Augen hinter vergilbten Gardinen.

 

Blühendes Rapsfeld mit Cumulus-Wolken

Wie ein Meer erstrecken sich die Felder der Gedanken in den Köpfen von geübten Träumer*innen.

 

Bewegung kann reine Kopfsache sein

Zu anstrengend? Nun, dann lassen wir es eben, ziehen uns zurück ins Traumland; treffen uns nicht einmal mehr in angesagten Läden zu schlechtem Kaffee, sondern bleiben daheim – und machen uns den Kaffee, den wir wirklich verdienen.

Die duftende Tasse in der Hand, können wir dann ganz gemütlich virtuell an all jene wundervollen Orte reisen, die im Kopf viel schöner sind als unter den Füßen. Ohne Zeitbegrenzung. Unsere Möglichkeiten im Hier sind unendlich. Alles, was es braucht, ist die Chance, sich darauf einzulassen – und sich darin zu verlieren. Auf geht’s!

 

Frau schüttelt ihre langen, roten Haare

Innere Erlebnisse können so stark sein wie äußere. Ihre physische Kraft besteht aus purer Fantasie.

 

Werde dir deines Daseins bewusst!

Jede Reise beginnt mit einer Frage: Wohin soll ich? Ersetzen wir sie mal mit einer viel Grundsätzlicheren: Warum bin ich hier – und nicht woanders? Was bedeutet dieser Ort für mich? Kenne ich ihn überhaupt? Welche Seiten sind mir unbekannt? Und sollte ich das nicht mal ändern? Okay, das sind gleich ein paar Fragen. Doch die kann sich frau* ruhig in regelmäßigen Abständen stellen, sie geradezu suchen, die neuen Antworten auf das vermeintlich Selbstverständliche.

Schließlich wissen Bewohner*innen oft am wenigsten über jene Seiten ihrer Stadt, die ihre Besucher*innen am meisten beeindrucken. Lasst uns also einfach mal die Rolle wechseln! Werden wir zu den Gästen unseres eigenen Domizils!

 

Sommerpanorama von Berlin

Die Abwesenheit des Reisens gibt einem Zeit, sich Fragen zu stellen, von denen man gar nicht wusste, dass man sie sich gern einmal stellen würde. Ist doch geil hier!

 

Zu Gast in meiner eigenen Stadt

Starten wir mit dem totalen Touri-Programm: mit den Hotspots, den Klischees, den für Stadtbewohner*innen uncoolsten Besuchermagneten. Und: Lasst uns dabei ruhig in eine Rolle schlüpfen! Werden wir zu Sightseeing-Schaupieler*innen der Selbstunterhaltung: Eimerhut aufgesetzt, Bauchtasche umgeschnallt, mit Socken in die Sandalen. Bereit.

Und hin zum Brandenburger Tor, von da aus über die Linden zum Fernsehturm, dann eine Bootsfahrt auf der Spree und mit dem 100er-Bus zum Zoo. Das kann wie eine ironische Reise ins Nichts sein. Es kann aber auch unverhofft Spaß machen und bietet recht einfache Möglichkeit, sich vom eigenen Leben zu distanzieren. Und man* kann dabei auch ganz schön überrascht werden …

 

Berliner Dom und Spree im Sommer

Wer seine Stadt als Tourist*in erkundet, wird sie mit anderen Augen sehen – und sich selbst vermutlich auch.

 

Sich den Überraschungen des Erwartbaren stellen

… zum Beispiel hiermit: Als ich vor ein paar Jahren den Fremdenführer für nahe Verwandte spielte, betrat ich dabei zum ersten Mal seit über 20 Jahren den Berliner Dom. 30 Sekunden später setzte die Toccata und Fuge in D-Moll von Bach ein – live gespielt auf der Orgel (da wollte wohl jemand seine Fingerfertigkeit unter Beweis stellen). Alle erstarrten. Draußen schoben sich Wolken vor die Sonne. Ein wohliger Schauer lief uns über den Rücken.

Dann stiegen wir auf zum Kuppelumgang und schauten über unsere Stadt. Sie kam uns ganz neu vor. Fremd. Frisch. Und wir fühlten uns gleich ein bisschen jünger, unbedarfter, besonderer – obwohl es eigentlich ein ganz normaler Wochentag war. So einfach kann frau* sich selbst überraschen.

Denken wir den Hierbleiber-Tourismus mal ins Extrem: Warum eigentlich nicht vor der Haustür übernachten? Sprichwörtlich, also im Hotel oder in einer Airbnb-Wohnung – nebenan. 24 Stunden Dekadenz und romantische Liebe – mit Champagner oder Bier vom Späti. Flucht aus dem normalen Leben, ohne es wirklich zu verlassen. Fast teenagermäßig, nur besser.

 

Hotelbett mit zerknitterter Decke und Buch

Die Bereitschaft einfach mal so tun, als ob wäre man* neu hier, kommt mit der Möglichkeit frischer Freuden im Gepäck.

 

Auf zum nächsten Streich: Hintergrundtourismus

Und nun zu etwas völlig anderem: Aus dem Rampenlicht treten wir hinter die Kulissen der Großstadt! Ich meine nicht die Berliner Unterwelten (könnte frau* bei der Gelegenheit aber auch gleich abhaken), sondern die weißen Flecken auf der persönlichen Stadtkarte einer/-es jeden.

Gehen wir in unbekannte Kieze! Setzen wir uns in irgendeine S-/U-Straßen-Bahn, fahren bis zum Ende der Linie und laufen zu Fuß wieder nach Hause. Latschen wir mal völlig planlos eine halbe Stunde geradeaus, dann eine halbe Stunde nach links oder rechts. Und versuchen im Anschluss, ohne Google Maps wieder nach Hause zu finden.

Das ist eine hervorragende Gelegenheit, um nicht nur neue Schönheiten im eigenen Lebensraum, sondern auch sich selbst neu zu entdecken. Am spannendsten wird es psychologisch doch immer dann, wenn man* sich nicht mehr auskennt. Deswegen machen manche Menschen Abenteuertourismus. Nun, dafür muss frau* eben nicht unbedingt weit weg.

 

Mann geht im dunkeln unter einem Baugerüst durch die Stadt

Die Exploration des Unbekannten war früher Sache der Weltensegler. Heute segeln wir in den dunklen Schluchten der vom Alltag übersehenen Stadtwelten. Und das ist nicht minder spannend.

 

Das Abenteuer sei mit dir!

Mehr Nervenkitzel gefällig? Man kann sie auch hier machen, die krassen Sachen: Base Flying, Bungee Jumping, Drachenfliegen, Fallschirmspringen. Alles möglich in der Hauptstadt (frag die Suchmaschine deines Vertrauens!). Und wer eher auf die innere Spannung steht, nimmt vielleicht mal an einem der zahlreichen Escape Games teil.

Natürlich wären an dieser Stelle auch die (vermeintlichen) Lost Places zu nennen. Aber mal ganz ehrlich: Jene Zeiten, wo es noch verfallene Gebäude zu entdecken gab, sind in Berlin längst vorbei. Außerdem würde ich natürlich niemals etwas Illegales empfehlen. Also machen wir einen Schwenk vom Urbex zum Parkour: eine Extremsportart für den städtischen Lebensraum. Perfekt für ein bisschen Abenteuerurlaub. Denn schließlich ist niemand zu alt dafür, etwas völlig Neues mit sich anzufangen. Man* muss dabei ja nicht unbedingt über Dächer springen: Mauern eignen sich – das beweist schon die Geschichte – hervorragend zum Überwinden.

 

Parkour Sportler auf dem Tempodrom in Berlin

Abheben aus dem Normalen: Mach dich jung und fit mit Parkour oder anderen Extremstadtarten!

 

Zeitreise als mentale Herausforderung

Weiter geht die Reise! Es gibt in jeder Stadt Orte, an denen ein Stück nicht allzu ferner Zeitgeist erstarrt ist: Ku’damm bei Nacht, Stasi-Gefängnis Hohenschönhausen, Insel der Jugend, die Bauten des Hansa-Viertels, der Minigolf-Platz am Insulaner, bestimmte Ecken in Reinickendorf, Hochhaus an der Weberwiese, Britz usw. Mit ein bisschen gutem Willen und Fantasie können solche merkwürdigen Plätze für kurze Zeit zu altem Leben erwecken.

Ziehen wir uns im Look der 60er, 70er, 80er an, rüsten uns mit den entsprechenden Getränken und der passenden Musik aus – zelebrieren wir den Trip ins Gestern! Mit ein paar Freunden macht das einen Riesenspaß. Und abends kann frau* sich dann noch den entsprechenden Film anschauen, der dieser vergangenen Welt entstammt.

 

Hochhaus im Hansaviertel mit viel Himmel

Zurück in die Klassische Moderne – zum Beispiel mit einem 60er-Jahre-Trip ins Hansaviertel.

 

Ein Flugzeug namens Couch

Apropos Film. Wie wäre es denn damit, einfach zuhause zu bleiben? Komplett. Aber nicht gezwungenermaßen wie im Lockdown, sondern einfach so. Ohne Arbeit. Ohne Verpflichtungen. Ohne Plan. Verlieren kann man* schließlich auch in alten Fernziel-Serien wie Lost oder Fantasy Island. Gähn. Doch lieber schlafen? Na klar. Den ganzen Tag schlafen. Wir haben es verdient!

Und am nächsten Tag? Kein Stress! Träumen ist eine Kunst für sich. Und neuerdings (dank der Pandemie) haben wir ja sogar – ganz offiziell – die Möglichkeit, virtuell zu verreisen, zum Beispiel nach Kreta oder in Afrikas Nationalparks. Das ging übrigens schon vor vielen Jahren: Google Earth öffnen und sich treiben lassen. Eine grandiose Sache. Ich habe so schon Tage verbracht – und es nicht bereut. Aber bitte nicht weitersagen!

 

Mann mit Laptop auf der Couch recherchiert und plant

In einer virtuellen Reisegesellschaft geht einem bestimmt niemand auf die Nerven. Und die Busse fahren garantiert immer.

 

Gaumenkino – eine kulinarische Weltreise

Wenn Leute von gelungenen Urlauben erzählen, kommt früher oder später doch immer wieder dieser Spruch: „Und das Essen … so gut!“ Um etwas derartiges sagen zu können, muss man* allerdings nicht wegfahren. Das Erlebnis gibt es auch zu Hause. Sicher, es mag aufwendig und anstrengend sein, ein transasiatisches 12-Gänge-Menü zu kochen. Aber es lohnt sich, macht stolz und so schön satt, wie frau* sich an keinem tropischen Sonnenuntergang sattsehen kann.

Für alle, die das nun nicht möchten, gibt es in der Stadt aber auch genug Restaurants, mit deren Künsten man* seine Geschmacksknospen ins Nirwana schicken kann. Zugegeben, das kostet. Aber weit reisen, das kostet schließlich auch. Gönnt euch!

 

Pärchen kocht zusammen in der eigenen Küche

Im Urlaub zu Hause kochen bedeutet Kochen-wie-nie-zuvor. Neue Welten. Unbekannte Lebensqualitäten. Und die Erinnerung daran liegt zu 100 % in den eigenen Händen.

 

Was wir immer schon mal erledigen wollten …

Wechseln wir jetzt in den Aktivurlauber-Modus: Bei all der schönen Vor-Ort-Faulenzerei darf der Mensch zwischendurch ruhig etwas Härte gegenüber sich selbst zeigen. Wie war das noch gleich mit all den guten Vorsätzen? Warum funktionieren die eigentlich nach Silvester nie? Na, vielleicht, weil es im Sommer einfacher ist? Bestimmt!

Es gab nie eine bessere Gelegenheit, mit wohltuenden Fitnessprogrammen zu beginnen und diese Sportoasen fest in den eigenen Alltag einzubauen. Gewohnheit macht den/die Meister*in. Einen guten Ansatzpunkt zur sinnstiftenden Betätigung bieten auch die ganzen liegen gebliebenen Kleinigkeiten: Aufräumen, Reparieren, Renovieren. Das sorgt für Zufriedenheit. Vor allem aber ist es viel einfacher, wenn frau* genug Zeit dafür hat. Also im Urlaub zuhause.

Am Rande: Ein bisschen Altruismus schadet dabei weder dem Umfeld noch dem eigenen Wohlgefühl, zum Beispiel Stadtbäume gießen, Community-Beete anlegen oder Müll einsammeln, wo die BSR nicht hinkommt. Als Abrundung eines richtig gelungenen Ferientags im Hier und Jetzt.

 

Schön eingerichtetes Wohn- und Arbeitszimmer

Sich um das Design seines zukünftigen Alltags zu kümmern, kann die Lebensqualität deutlich mehr steigern, als das kurzweilige Eskapismus-Programm in irgendeinem überfüllten Robinson Club.

 

Zuhause im perfekten Urlaubstrainingslager

All jenen, die sich mal so richtig auf ihre eigene Umgebung einlassen, wird weit mehr einfallen, als in diesem Blogbeitrag angerissen ist. Schließlich haben wir beim alltäglichen Leben in Zeiten von Corona gelernt, das Weite im Naheliegenden zu suchen.

Außerdem ist der Urlaub zu Hause ein perfektes Trainingslager für die nächste Reise. Wie das Praktikum für den Job oder die Theorie für die erste Fahrstunde. Sich ganz entspannt ausprobieren, um zukünftig besser planen und erkunden zu können. Den Blick schärfen, um die kleinen Dinge am Wegesrand zu entdecken. Den Moment genießen, um voller Freude in den nächsten zu stolpern.

Das lernen wir am besten vor der Haustür, in der Nachbarschaft und unserer Region. Mit all den anderen, die es zu schätzen und zu teilen wissen. Habt Spaß dabei! Denn der Sommer ist für alle da.

 

Frau liest ein Buch auf einer Parkbank mitten in Berlin

So entspannt wie wir Berliner*innen wären andere wahrscheinlich auch gern. Sofern sie können, sollen sie ruhig herkommen und mitmachen. Wir jedenfalls bleiben hier.

 

Alle Bilder von Unsplash.com




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