Fontane muss man erst mal checken!



Fontane muss man erst mal checken!
23. Juli 2019  ·  von Ronny Weise



Geburtstage historischer Influencer sind eine gute Gelegenheit, sich inspirieren zu lassen. Und dieses Jahr ist Fontane an der Reihe. Er wird nämlich 200. Gefeiert als großer Wortmaler preußischer Kulturlandschaften, versteckt sich hinter seinen eloquenten Sätzen aber deutlich mehr, als wir bei der ersten Wanderung durch den etwas unwegsamen Sprachwald erblicken mögen. Denn man kann Fontane auch als ironischen Entertainer und gesellschaftskritischen Menschenfreund, als krassen Checker und vielleicht sogar als Feministen begreifen. Mit anderen Worten: Er war eine ziemlich coole Sau. 

Brandenburg! So ausgedehnt und eintönig die Ebenen und weiten Felder der Mark aus einer metropolitischen Perspektive erscheinen mögen, genau so scheinen auch Fontanes Texte auf viele Menschen zu wirken (insbesondere, wenn man abenteuerlustig und jung ist). Wie einst als Schüler im Angesicht der unendlichen Bleiwüste von „Effi Briest“ blicken wir zum ersten Mal über die flachbrüstige Landschaft des Flämings. Wir zwingen uns zur Gutmütigkeit, lächeln und denken sehnsüchtig an Kapstadt, Kalifornien oder wenigstens an die Alpen.

Wie das Land, so die Literatur?

Fontane jedoch liebte – passenderweise – all die seichten, Berlin umgebenden Landstriche.

In den fünf Bänden seiner „Wanderungen durch die Mark Brandenburg“ hat er viele Teile ausführlich beschrieben und vor allem deren kulturelle Phänomene eingeordnet. Man muss das nicht spannend finden – wirklich nicht! Aber man darf ihm ob der verborgenen Schätze dieses vielleicht unspektakulärsten deutschen Bundeslandes durchaus recht geben.

Der Kulturattaché empfiehlt – mit einem Augenzwinkern

Es lohnt sich, in die vermeintliche Eintönigkeit seiner Landschaft abzutauchen, denn sie ist voller kleiner Wunder. Das habe ich gelernt wie viele vor mir. Und ja, es hat auch etwas mit Erwachsenwerden zu tun – genau wie der Genuss des Fontaneschen Werks, insbesondere der Romane. Aber dazu gleich. Zunächst noch einmal unermesslich große Spannung: Brandenburg im 19. Jahrhundert.

Schönheit liegt im Auge des erfahrenen Betrachters

„Ich bin die Mark durchzogen und habe sie reicher gefunden, als ich zu hoffen gewagt hatte“, so spricht einer, der das dreißig Jahre lang getan hat. Theodor, der alte Preuße. Dreißig Jahre. Was für ein Freak muss das gewesen sein? Könnte man sich fragen. Wer sich allerdings in die ruhige Natürlichkeit der Uckermark oder das malerische Mäandern des Havellands vertieft, bekommt eine Chance, die Motivation des Dichters nachzuempfinden.

Schloss Rheinsberg, Gemälde von Alexander Duncker, 1860. Als Fontane einst in Wales unterwegs war, erinnerte er sich an die Bootsfahrt auf dem Rheinsberger See und beschloss, fortan vermehrt durch seine Heimat zu wandern.

Ehre, wem Ehre gebührt!

Dieser war nämlich tatsächlich nicht nur durch Deutschland, sondern durch halb Europa gereist – vor seinen verschriftlichten Wanderungen in den Niederungen des Berliner Umlands. Und mit dem Blick eines weit Herumgekommenen (nicht dem eines verschrobenen Einsiedlers) stellte er fest: „Erst die Fremde lehrt uns, was wir an der Heimat besitzen.“ Genau dieser Satz steht am Anfang des mehrere tausend Seiten umfassenden ‚Lokalreiseführers‘. Holla, die Waldfee!

Kein Lonely Planet für Naturliebhaber

Ob es nun Sinn macht, mit den fünf Bänden im Gepäck auf Fontanes Spuren durch Brandenburg zu streifen – das möchte ich als gut beratener Laie ernsthaft bezweifeln. Denn zwei Drittel der Wanderungen beschäftigen sich weniger mit der Landschaft als vielmehr mit den Mikro- und Makrohistorien, die in derselben stattgefunden haben.

Das mag einen beim Spazieren vielleicht dann unterhalten, wenn man sehr, sehr alt ist oder entsprechende geschichtliche Spezialinteressen mitbringt. Will man locker-flockig mit dem Dichter übers Land wackeln (vielleicht sogar mit einer Flasche Craft-Bier in der Hand), so sollte man eher auf einen mit passenden Zitaten angereicherten Kulturreiseführer zurückgreifen. Ist einfacher und macht mehr Spaß.

 

Schloss Plaue bei Brandenburg, Gemälde von Alexander Duncker, 1860 – beschrieben in den Wanderungen durch die Mark Brandenburg

Literaturlandschaft mit Tiefenschärfe

Nein, Fontanes Genialität liegt nicht in seiner vermeintlichen Eigenschaft als Fremdenführer – auch wenn das von den betreffenden Gemeinden und Tourismusbehörden gern kolportiert wird. Sein Verdienst ist eine so sanfte wie kritische Auseinandersetzung mit den aus heutiger Sicht unfassbaren Dingen, die damals in jenen Landschaften stattgefunden haben. Und diese eher sozialen Aspekte sind ein bisschen wilder als der sanfte Wind in sumpfigen Wiesen, das Moos auf den Mauern erhabener Schlösser oder der Staub auf den Gemälden längst vergangener Adelsgeschlechter.

An den Romanen sollt ihr sie erkennen!

Möchte man mit Fontane ins Geheime reisen, so sollte man sich vor, nach und gern auch bei seinen Ausflügen ins Brandenburgische mit den großen Werken des poetischen Realisten auseinandersetzen. Sie sind nämlich von den Wanderungen, den historischen Nachforschungen; vor allem aber von den gesellschaftlichen Beobachtungen der damaligen Zeit geprägt – aufs Äußerste und Innerste, aufs Raffinierteste und Krasseste. Und ja, es finden sich auch überall seine beliebten, schönen Beschreibungen – nur dass sie in den Geschichten eben große Bedeutungen bekommen (um das schätzen zu können, liebe Schülerinnen und Schüler – ihr habt Recht –, dafür muss man vielleicht erst mal ein bisschen alt und hässlich werden).

Effi Briest – nette Plauderei, krasse Handlung

In medias res: Kramen wir ruhig mal das alte Reclam-Heftchen aus der Schulzeit hervor und schauen uns an, was da eigentlich abgeht! Effi Briest – eine Heranwachsende von gerade einmal 17 Jahren – führt im Herrenhaus der Eltern ein unbeschwertes Leben. Brandenburger Landschaften im Sonnenschein. Alles schick.

Aber dann beschließt ihre Mutter, sie mit einem 20 Jahre älteren Baron zu verheiraten. Effi muss sich fügen und mit diesem Herrn von Innstetten nach Vorpommern ziehen. Bekommt brav ein Kind, ist aber unglücklich ob ihres langweiligen Ehemanns. Fängt aus Verzweiflung ein Verhältnis mit dem charmanten Major von Crampas an, welches dummerweise auffliegt – allerdings erst Jahre später. Peng! Der gesellschaftliche Ehrenkodex fordert das Duell zwischen den zwei rivalisierenden Herren. Der Nebenbuhler wird dabei von Innstetten getötet. Gleichsam zerbricht die Ehe. Die Herrschaften verstoßen Effi vom Lande. Sie erkrankt am Leid ihres Lebens. Und stirbt. Vorhang.

 

Die Originalausgabe von Effi Briest, 1896

Gesellschaftskritik ohne Zeigefinger

Was daran genial ist? Die raffinierte Art, mit der Fontane Inhalt und Erzählart verknüpft. Seine Story skizziert die harten Regeln der damaligen bürgerlichen Gesellschaft, denen man sich zu unterwerfen hat. Diese Zwänge führen notwendig zu persönlichem Leid. Aber der Autor prangert das nicht an, sondern beschreibt es lediglich – so ausführlich wie empathisch. So, dass man keiner der Figuren ernsthaft böse sein kann.

Sie erscheinen allesamt als Marionetten der Konventionen; würden sich gern ihrer Fäden entledigen, scheitern aber schon beim Aussprechen ihrer eigentlichen Wünsche. Der gute Theodor stößt den Leser nicht mit der Nase in die Scheiße und sagt ihm, was er denken soll, sondern erzeugt bei ihm Verständnis. Dafür, wie es ist.

Wie es denn sein könnte (und sollte) – das überlässt er uns.

Vorbote des Feminismus

Beim Lesen der weitschweifigen Beschreibungen und kecken Dialoge entwickelt man vor allem tiefe Sympathien zur Hauptfigur Effi Briest. Man identifiziert sich mit ihr. Wird von ihrem Schicksal berührt. Und wenn man dieses Miterleben reflektiert, entsteht eine differenzierte kritische Haltung zur Unterdrückung der Frau – wie von selbst.

Wir fühlen, was es bedeutet, ungleich und fremdbestimmt zu sein. Und dieses emotionale Verstehen ist eine der wichtigsten Voraussetzungen für gesellschaftliche Veränderung. Insofern kann man Fontane zwar nicht als kämpferischen Feministen beschreiben. Aber als jemanden, der beim Leser die Basis für antichauvinistisches Denken schafft. Das war im 19. Jahrhundert durchaus mutig, aber eben auch sehr raffiniert.

Angesagt, weil er sagt, was abgeht

Und da der Neuruppiner Schriftsteller mit seinen langatmigen Beschreibungen durchaus gut ankam bei den Leuten, kann man ihn auch als Vorboten und Influencer einer offenen Gesellschaft bezeichnen.

Würde Fontane heute leben, wäre er vielleicht eine Art stille Sibylle Berg. Oder macht Euch Eure Vergleiche lieber selbst! Auf jeden Fall wäre der Typ ein ziemlich cooler, angesagter Charakter im großen Diskurs.

Mehr Sein als Schein

Aber zurück zu den schicken Landschaftsbeschreibungen, für die Fontane heute von der ganzen Welt bedingungslos romantisiert wird! Die andere krasse Sache an des Dichters Kunst ist nämlich, dass seine schönen Schilderungen in den Romanen nie so unschuldig sind, wie sie scheinen.

Viele Bilder und ein bisschen Humor

Ich will mich dafür jetzt nicht an den vielen, kunstvollen Stilmitteln ergötzen, sondern nur zwei Beispiele aus den ersten Seiten von Effi Briest geben.

Da steht (1) – beschrieben in der Exposition des Romans – die Schaukel des Mädchens im idyllischen Garten des ‚Herrenhauses‘, mit schiefen Balken unter großen Platanen. Schon nicht mehr ganz kraftvoll und gerade, wird dieses Symbol unschuldiger Freiheit vom alten Übermächtigen der Bäume beschattet – als düstere Vorahnung (auf den Verlust der Freiheit, das Verlieren gegenüber dem gesellschaftlich Größeren und schließlich den Tod der Hauptfigur).

Das ist verdammt subtil, genau wie der Humor des Dichters, wenn er die Effi etwa über ihren späteren Ehemann sagen (2) lässt: „… und das ganze Soldatenleben überhaupt muß ihm damals wie verleidet gewesen sein. Es war ja auch Friedenszeit.“ Feinsinniger kann man Militärkritik wohl kaum verpacken.

 

Fontane hat seine Feder auch kunstvoll zwischen den Zeilen geschwungen, Gemälde von Carl Breitbach, 1883

Erst die Augen, dann der Verstand

Wer sich Fontanes 200. Geburtstag also zum Anlass einer Annäherung an die Kunst des großen Dichters nehmen möchte – der oder die darf getrost durchs seichte Brandenburg wandern und ihr/sein Auge fürs Entdecken der verborgenen, landschaftlichen Tiefe trainieren. Meditiert ruhig das Märkische ins Himmlische! Macht aus dem Alltäglichen das Wesentliche! Und stürzt Euch danach – mit gut geschultem Entdeckergeist – in die reiche Sprache der Romane, welche voll von Bildern und Andeutungen ist; wie die Luft mit Mücken im sommerlichen Morgendunst an einem Sumpfsee des Ruppiner Lands!

Es ist … rischtisch geil!

Nein, natürlich ist es nicht cool, durch Brandenburg zu wandern – und schon gar nicht, dabei Fontane zu lesen. Aber so wie unsere Mode schließlich selbst das Nerd-Sein als Trend entdeckt hat, wie zutätowierte Mittdreißiger sich auf Parzellen von Kleingartenanlagen bewerben, so wird es vielleicht auch mal hart angesagt sein, einen auf bürgerlichen und poetischen Realismus zu machen. Fontane-Leser sind die Hipster von morgen. Traut euch!

Ab dafür!

Und gerade weil das hier keine literaturwissenschaftliche Abhandlung, sondern eine Leseanregung sein soll, möchte ich den guten Herrn abschließend noch mal selbst zu Wort kommen lassen. Hier also der berühmte Anfang von Effi Briest – eat this:

 

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„In Front des schon seit Kurfürst Georg Wilhelm von der Familie von Briest bewohnten Herrenhauses zu Hohen-Cremmen fiel heller Sonnenschein auf die mittagsstille Dorfstraße, während nach der Park- und Gartenseite hin ein rechtwinklig angebauter Seitenflügel einen breiten Schatten erst auf einen weiß und grün quadrierten Fliesengang und dann über diesen hinaus auf ein großes in seiner Mitte mit einer Sonnenuhr und am Rande mit Canna indica und Rhabarberstauden besetztes Rondell warf. Einige zwanzig Schritte weiter, in Richtung und Lage genau dem Seitenflügel entsprechend, lief eine ganz in kleinblättrigem Efeu stehende, nur an einer Stelle von einer kleinen weiß gestrichenen Eisentür unterbrochene Kirchhofsmauer, hinter der der Hohen-Cremmener Schindelturm mit seinem blitzenden, weil neuerdings erst wieder vergoldeten Wetterhahn aufragte. Fronthaus, Seitenflügel und Kirchhofsmauer bildeten ein einen kleinen Ziergarten umschließendes Hufeisen, an dessen offener Seite man eines Teiches mit Wassersteg und angekettetem Boot und dicht daneben einer Schaukel gewahr wurde, deren horizontal gelegtes Brett zu Häupten und Füßen an je zwei Stricken hing – die Pfosten der Balkenlage schon etwas schief stehend. Zwischen Teich und Rondell aber und die Schaukel halb versteckend standen ein paar mächtige alte Platanen.“

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Die Unterschrift fon Tane, dem gewitzen Theodor

 

DANKSAGUNG

Für die fachkundigen Impulse bedanke ich mich bei Dr. habil. Hans G. Müller, Universität Potsdam.




2 Kommentare




  • Kommentar von Häntsch

    Toller Schreibstil – sehr erfrischend.

    • Antwort von Hilmar Hilger

      Vielen Dank für das tolle Lob. Das freut uns sehr.
      Hilmar von der Preussenquelle

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