Gradmesser Wasser



Gradmesser Wasser



Zum Weltwassertag schauen wir auf den Zustand des wichtigsten Lebensmittels – und damit auf die eigene Geschichte

Alles beginnt im Wasser – und alles endet dort. Die Flüssigkeit fungiert als universeller Lebensgeber, ist aber auch ein Aufnahmemedium unserer gesamten Geschichte: für das, was wir erschaffen, abgeben, zerstören. Als Gradmesser der Verschmutzung hat es unfassbar viele Facetten angenommen. Und je nachdem, worauf wir schauen, kann uns das jeweilige Nass sogar einen Blick in die Zukunft gewähren. Wie sie aussehen mag, liegt aber keinesfalls im Auge, sondern vielmehr in der Hand des Betrachters. In unseren Händen.

 

Die Vereinten Nationen rufen seit 1992 jährlich zum Weltwassertag (22. März). Klingt vielleicht ein bisschen nach Welttanztag (20. April) oder Welt-Orgasmus-Tag (21. Dezember), ist aber um ein Vielfaches wichtiger.
2020 findet er unter dem Leitmotiv „Wasser und Klimawandel“ statt. Eine gute Gelegenheit, um die aktuelle Situation unserer wichtigsten Ressource ins Auge zu fassen, Bewusstsein für seine Gefährdung zu schaffen und Maßnahmen zur Bewahrung – nein! – zur Wiederherstellung natürlicher Umstände zu ergreifen.

Denn wäre unser Wasser wieder sauber, sicher, gut verteilt, in den richtigen Mengen an den üblichen Orten verfügbar – tja, dann würde es wahrscheinlich ganz gut laufen auf diesem Planeten. Will heißen: Wasser zeigt, was ist und wird. Wir brauchen nur hinschauen – und handeln.

Richte dein Auge auf den Fluss der Geschichte!

Leg dein Ohr an das Gleis der Geschichte“ lautet der Titel eines Songs von Freundeskreis. Er fordert uns auf, nicht nur passiver Teil, sondern aktiver Gestalter des Geschehens zu sein. Und um dies zu können, müssen wir wissen, was war:

You’re just a part of it
So get to the heart of it
Cause if you don’t go
You won’t know

Anders ausgedrückt: Beschäftigte dich mit dem Vergangenen, wenn Du Meister der Zukunft werden willst! Gute Idee. Die Historie der Menschheit – sie steht heutzutage nicht nur in Büchern und digitalen Archiven, sondern auch in den Gewässern: in Flüssen und Meeren, im Eis oder im Trockenen (dem Nass, das weg ist).

Denn Wasser war und ist einer unserer besten Geschichtsschreiber. Es nimmt auf, was wir ihm geben. Stoffe lösen sich, werden zum Bestandteil natürlicher Kreisläufe – ob wir das wollen oder nicht. So kann frau* vom Wasser ziemlich viel lernen – im Guten wie im Schlechten. Richten wir unser Auge also auf den Fluss der Geschichte; auf das Nass, was unser Wirken nicht vergisst!

 

Ganz Nass im Blick

Geologen können an den Eisschichten der Antarktis vergangene Ereignisse ablesen, sowohl natürliche als auch menschengemachte: Vulkanausbrüche, Klimaschwankungen, Beginn der Industrialisierung, Atombombentests. Diese Bohrkerne aus ‚historischem Wasser‘ sind ein Schatz der Erkenntnis. Sie berichten, ohne zu beschönigen.

Aber so weit brauchen wir gar nicht zu schauen. Auch das Grundwasser vor unseren Haustüren erzählt seine ganz eigenen Geschichten. Es bindet viele der in die Umwelt abgegebenen Stoffe, transportiert sie in tiefere Schichten oder weit weg in die Meere. Weg aber sind vor allem die Gifte damit nicht. Sie wirken immer auf uns zurück. Manchmal schneller, manchmal langsamer.

 

Eine kleine Historie der Rücksichtslosigkeit

Die frühen Folgen der Wasserverschmutzung waren relativ direkt. Im 19. Jahrhundert etwa gab es in ganz Europa Typhus- und Choleraepidemien durch Verunreinigung der Flüsse mit Fäkalien. Denn aus denen bezogen die Leute damals ihr Trinkwasser. Ein Problem, dem man* mit Kläranlagen begegnen konnte. Relativ schnell. Im Laufe der Zeit wurden die Auswirkungen aber immer massiver und langfristiger.

Als 1969 das große Fischsterben im Rhein stattfand, waren bereits gewaltige Mengen von Chemikalien in die Umwelt gepumpt worden. Es brauchte Jahre, um die Gewässer wieder zu sanieren. Auch dem großen Waldsterben Anfang der 80er sind viele Jahrzehnte ungebremster Schwefel-Emissionen vorangegangen, die als saurer Regen kontinuierlich unsere Böden tränkten.

Modernere und massivere Ereignisse werden noch länger nachwirken. Sowohl die 800 Millionen Liter Öl der Deepwater-Horizon-Katastrophe (2010) als auch die Unmengen der durch den Super-GAU von Fukushima (2011) freigesetzten Radionuklide treiben durch die Weltmeere – neben anderen Umweltgiften und den berüchtigten Massen an Plastik.

 

 

Das kontinuierliche Plätschern des Gifts

Manche durch Menschen verursachte Umweltkatastrophen sind so krass, dass man* die durch sie beeinträchtigten Gebiete nur noch versiegeln kann. So der Reaktor von Tschernobyl (1986) oder das dioxinverseuchte Gelände des Chemie-Werks Boehringer-Ingelheim in Hamburg-Moorfleet (geschlossen 1984).

Überall auf der Welt haben die Menschen Böden und Gewässer in extremen Ausmaßen verseucht, zum Beispiel 1956 in Minamata, Japan (Metylquecksilber); 1968 in Bitterfeld (Vinylchlorid); 1984 in Bophal, Indien (Methylisocyanat); 1991 am persischen Golf (Rohöl) oder 2015 in beim Dammbruch von Mariana (Arsen, Aluminium, Blei, Kupfer, Quecksilber).

Und die Kontamination dauert an: 85 Prozent der Fläche von Bangladesch weist verunreinigtes Grundwasser auf. Durch das idyllische Kanada fließen (ironischerweise) zehn der am meisten verschmutzten Flüsse unseres Planetens. Der ostafrikanische Viktoriasee droht aufgrund massiver Abwassereinleitungen umzukippen. Und auch in Südamerika gelangen 70 Prozent des verbrauchten Wassers ungeklärt zurück in die Umwelt. Zum Beispiel.

Wir haben ein Problem. Überall. Und überall können wir unser problematisches Umweltverhalten am Wasser ablesen.

 

 

Der Fall Deutschland

Zurück vor die Haustür: Auch in Deutschland weist ein Drittel des Grundwassers zu hohe Nitratwerte auf. Damit haben wir nach Malta die schlechtesten Werte ganz Europas. Das Vertragsverletzungsverfahren der EU läuft.

Neben den Düngemitteln finden sich in unseren ständigen Wasserreservoiren Pestizide und andere schädliche Stoffe. Letztere werden von der Trinkwasserverordnung aber gar nicht erfasst, also auch nicht entfernt. Zu ihnen zählen etwa diverse Arzneimittel- und Chemikalienrückstände.

Unser Leitungswasser, heißt es zwar, sei das am besten überwachte Lebensmittel der Welt – oder so. Mag sein, bedeutet aber keinesfalls, dass es auch das Beste ist. In der Tat haben die Wasserwerke alle Hände voll zu tun, um diese wichtige Ressource überhaupt trinkbar zu machen. Ein Aufwand, der nicht sein müsste, für ein Produkt, das eigentlich sauber sein sollte.

 

Erinnerungsstein fürs Bewusstsein: das gute alte Wasser

Da fragt frau* sich natürlich, ob es überhaupt noch Wasser gibt, das man* guten Gewissens trinken kann. Und diese Frage reichen wir am besten weiter ans flüssige Nass selbst. Wir müssen es nur finden, dieses wirklich unberührte Gut. Denn jener Schatz scheint sich regelrecht vor uns zu verstecken. Nur dort, wo Wasser schwer hinkommt auf seinem Weg von der Oberfläche durch den Boden, wohin es idealerweise mehrere Tausende von Jahren braucht – da ist es noch besonders rein.

Dieses Ur-Wasser erzählt die alte Geschichte vor der menschlichen Einflussnahme auf unsere Umwelt. Und allein ein solch rückstandsfreies Produkt genügt heute den extrem hohen Richtlinien für Biomineralwasser. Als absolut klares, maximal hochwertiges Lebensmittel scheint es entkoppelt von der zerstörerischen Zivilisation – noch. Denn weder ist diese Ressource unendlich, noch unendlich lange geschützt. Irgendwann wird der Müll auch den letzten Tropfen verunreinigt haben.

Das beste Wasser – es bildet einen krassen Kontrast zum Normalfall: dem der Verschmutzung. Seine unschuldige Reinheit soll uns eine Mahnung sein.

 

 

Status quo: ein gefährdetes Gut

Nein, Biomineralwasser ist nicht für alle Menschen auf dem Planeten verfügbar. Nicht einmal normales Mineralwasser ist das. Einigermaßen vernünftiges Leitungswasser vielleicht? Fehlanzeige: Laut UNICEF und WHO hat jeder dritte Mensch keinen Zugang zu sauberem Trinkwasser. Das sind katastrophale Zustände.

Ist es da nicht geradezu zynisch, den eigenen Körper mit dem hochwertigsten Wasser zu versorgen, das man kriegen kann? Kommt darauf an. Gletscherwasser aus Grönland zu kaufen, das – über den Ozean transportiert – durch CO2-Emissionen am eigenen Abschmelzen mitwirkt, scheint mir keine gute Idee zu sein. Klimapositives Biomineralwasser zu trinken, mit dessen Verkauf zahlreiche ökologische Projekte unterstützt werden, dagegen schon.

 

Der Klimawandel macht es nicht besser

Vielleicht ist die Verschmutzung aber nur das zweite Problem und in Wirklichkeit die Verteilung das erste. Wenn wir hinschauen, gibt Wasser den Blick frei auf Veränderungen unserer Umwelt. Durch Präsenz und Abwesenheit erzählt es von Vergangenheit und Zukunft:

Das Gut wird in manchen Gegenden der Welt immer rarer, in anderen zum Problem. Dauerregen mit Überflutungen, steigende Meeresspiegel auf der einen, Dürreperioden und schwindende Landschaften auf der anderen Seite. Die Wetterextreme sorgen zunächst einmal für eine dynamisch ungünstige Distribution des Wassers auf der Erde. Im gleichen Zuge verschlechtern steigende Temperaturen aber auch die Qualität. Warmes Wasser bindet weniger Sauerstoff als kaltes. Sauerstoff aber braucht das Leben in den Flüssen, Seen und Meeren.

Wir haben also ein doppeltes Problem. Nicht nur reines Wasser ist rar geworden. An immer mehr Orten wird das Nass an sich schon zur Mangelware. Die Dürresommer 2019 und 2018 beweisen, dass auch Deutschland nicht davor gefeit ist. Nein, wir sind mittendrin. Sowohl in der Verschmutzung als auch in der Knappheit.

 

 

Umdenken, Umstellen, Umwelt schützen

Der jährliche Weltwassertag, das alle drei Jahre stattfindende Weltwasserforum, Demos, Landwirtschaftstage und andere Diskussionsforen – all dies sind Ausgangspunkte des Umdenkens, Plattformen des Wandels. Schauen wir auf unser wichtigstes Lebensmittel, lernen es besser kennen und schätzen. Nicht selbstverständlich ist das Wasser, sondern gefährdet. Und mit ihm unsere Existenz.

Das Geschichtsbuch des Wassers ist noch nicht ausgeschrieben. Wir können den Stift in die Hand nehmen und es im positiven Sinne fortführen; seine Zukunft erzählen, indem wir sie gestalten. Mit verantwortungsvollem Konsum. Mit umweltfreundlichem Handeln. Und mit der Unterstützung von Naturschutzprojekten.

 

 

*Anmerkung = Gendern ist aus linguistischer Sicht genauso schwierig wie nötig. Ich kombiniere verschiedene Möglichkeiten miteinander (alle nicht vom Duden anerkannt!): mal die männliche, mal die weibliche Form, mal beide; stets mit einem Stern markiert. Es seien immer alle mitgemeint.



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