„Es sinnvoll ist, den Boden zu schonen“



„Es sinnvoll ist, den Boden zu schonen“
07. Mai 2018  ·  von Witold Michalczyk



Mit seiner Firma Soil & More berät der Agrarwissenschaftler Tobias Bandel weltweit Landwirte zu verschiedenen Aspekten der nachhaltigen Landwirtschaft. Eines seiner Projekte ist die Kampagne „Save our Soils“, die sich für den Schutz der Böden vor Erosion einsetzt.

Was ist „Save our Soils“?
Tobias Bandel: Mit der Soil & More Foundation haben wir die Kampagne Save our Soils ins Leben gerufen, um der Öffentlichkeit zu zeigen, wie wichtig Böden und ihre Pflege für uns alle sind. Wir wollen ganz gezielt Landwirten konkrete, realistische und damit umsetzbare Handlungsalternativen vorstellen und schmackhaft machen.

Welche Probleme haben Böden denn?
Bandel: Eines der größten Probleme ist die sogenannte Erosion, also ein realer Massenverlust an Böden. Erosion entsteht unter anderem, weil man in alter Tradition Böden im Herbst umpflügt. Auf diesen Feldern steht dann kein Grashalm mehr. Sobald es einen Herbststurm mit größeren Regenschauern gibt, wird der Boden je nach Hanglage weggespült. Auch andersherum gibt es ein Problem: Regnet es zu wenig, trocknet der Boden aus und beim nächsten Sturm fliegt die Hälfte weg. Selbst in Deutschland rechnet man mit 20 bis 30 Tonnen Oberbodenverlust pro Hektar und Jahr. Das sind gewaltige Mengen. Es fliegt eben nicht einfach mal ein bisschen Dreck in die Luft, und der Autofahrer ärgert sich, weil sein Auto schmutzig wird. Durch Erosion gehen Nährstoffe, Kohlenstoffe und letztendlich auch Wasser verloren – also alles, was der Landwirt für seine Arbeit benötigt.

Landwirtschaft gab es doch schon immer. Müssten die Böden dann nicht weltweit längst verwüstet sein?
Bandel: Tatsächlich wird der Boden schon immer abgebaut. Aber die Landwirtschaft hat sich über die Jahre eben intensiviert. Viele Dinge, die früher üblich waren, gibt es durch diese intensive Nutzung nicht mehr. Beispielsweise die Drei-Felder-Wirtschaft, oder – noch früher – die Wanderwirtschaft. Nach ein paar Jahren Anbau ließen die Menschen den Boden in Ruhe und gaben ihm Zeit zur Regeneration. Heute wird ein Feld jedes Jahr bewirtschaftet. Oft wird der Boden dabei von stark zehrenden Pflanzen geradezu ausgesaugt. Auch der Einsatz von chemischen Düngemitteln trägt zum Bodenverlust bei. Chemische Dünger basieren auf Salzen, welche die Bodenstruktur auflösen und so das Erosionsrisiko vergrößern. Die zunehmende Intensivlandwirtschaft geht also auch mit einem steigenden Erosionsproblem einher. Die Verwüstung ist definitiv da, zumindest langfristig. Auch wenn das in Deutschland und Mitteleuropa etwas langsamer von statten geht, als in den Tropen. Bei uns sind die Böden tiefer entwickelt, aber den Humusverlust spüren die Landwirte auf jeden Fall – auch heute schon.

Spielt das Thema Klimawandel dabei eine Rolle?
Bandel: Das ist definitiv so. Klimawandel muss aber wortwörtlich verstanden werden. Wandel bedeutet nicht einfach, dass es wärmer wird, sondern Veränderung. Landwirte bestätigen mir beispielsweise immer wieder, dass Regen unvorhersehbarer und unregelmäßiger kommt als früher. Er ist nicht mehr schön übers Jahr verteilt. Es regnet seltener, aber dafür mehr. Dadurch trifft mehr Wasser auf einmal auf den Boden. Er läuft quasi voll, was zu verstärkten Auswaschungen führt. Ein Boden ist ja im Prinzip nichts anderes als ein Schwamm, der sich kontinuierlich mit Wasser füllt. Solange er langsam wieder trocknen kann, ist das kein Problem. Die Schwierigkeiten beginnen erst, wenn der Schwamm auf einen Schlag sehr viel Wasser aufnehmen muss. Irgendwann ist er gesättigt und kann eben kein Wasser mehr speichern. Er gibt überschüssiges Wasser ab und reißt dabei den Boden mit sich. Über das Jahr gesehen regnet es also nicht unbedingt mehr oder weniger als früher. Aber es gibt weniger Regenereignisse an sich, dafür mehr Starkregen und auf der anderen Seite häufigere Trockenperioden. Und weil es oftmals nicht mehr dann regnet, wenn der Landwirt es braucht, muss er in Regen- und Bewässerungssysteme investieren.

 

„Die zunehmende Intensivlandwirtschaft geht mit einem steigenden Erosionsproblem einher. Die Verwüstung ist definitiv da, zumindest langfristig – in Deutschland.“

Welche Regionen in Deutschland sind von dem Problem betroffen?
Bandel: Erosion kann alle Gegenden in Deutschland betreffen. Beispielsweise weiß ich, dass das Wetter in der Bodenseeregion in den vergangenen Jahren verrückt gespielt hat, was massive Ernteausfällen und Bodenverluste bedeutete. Aber auch in Norddeutschland, wo es riesige, intensiv bewirtschaftete Getreidefelder gibt, haben die Landwirte definitiv ein Problem mit Erosion. Vielleicht nicht jeder, denn Klima ist ja immer auch ein Mikroklima: Wer sein Feld im Windschatten eines Berges oder eines Waldes hat, ist möglicherweise weniger betroffen. Aber grundsätzlich ist das Problem überall latent.

Was sieht die konkrete Kampagnenarbeit von Save our Soils aus?
Bandel: Wir zeigen den Landwirten, dass es sinnvoll ist, den Boden zu schonen, auch wenn damit zunächst mehr Arbeit und Aufwand verbunden ist. Ein Beispiel: Um den Schwammeffekt des Bodens wiederherzustellen, muss der Landwirt Biomasse oder Humus auf das Feld bringen. Er muss, wenn möglich, für den Winter bodendeckende Pflanzen ausbringen anstatt eine Brache zu pflügen. Nur dann ist der Boden nicht Wind und Wasser auszugesetzt. Es gibt da ein ganzes Bündel an Maßnahmen. Mit dem Landwirt sucht das Team von Save our Soils die Kombination, die standortspezifisch zu ihm passt.

Gehen Sie dabei direkt auf den Landwirt zu und beraten Sie ihn vor Ort?

Bandel: Das ist unterschiedlich. Einerseits stellen wir Inhalte zur Verfügung, die man sich online herunterladen kann, zum Beispiel Videos. Einige Produzenten von Bio-Lebensmitteln schicken uns auch zu ihren Betrieben und Höfen, wo wir dann Workshops veranstalten und konkret beraten. Das ist nicht immer einfach, weil Landwirte ja auch einen Haufen andere Sachen zu tun haben.

Steigt das Interesse in den letzten Jahren an solchen Beratungen?
Bandel: Auf jeden Fall. Die Probleme mit Erosion werden offensichtlicher. Teilweise schalten die Menschen aber auch in den Feuerlöschmodus und sagen: „Ich gebe jetzt nicht noch mehr Geld für Beratung aus, sondern versuche nur noch über die Runden zu kommen.“ Meines Erachtens ist das der falsche Weg. Nicht, dass unbedingt alle Beratung brauchen. Aber bei der Bodenerhaltung zu sparen, ist kurzsichtig, zumal es auch von verschiedenen Seiten her Unterstützung gibt. Sei es von Versicherungen, sei es von Banken, die finanzielle Anreize schaffen, sich langfristig um Böden zu kümmern.

Ist ein erodierter Boden unwiederbringlich verloren?
Bandel: Man kann schon noch eingreifen, muss aber die Dimensionen sehen: Zerstört ist schnell, das Aufbauen braucht Jahrzehnte. Erodiert heißt ja auch: physisch weg. Einen so großen Schaden beseitigt man nicht mehr so einfach.

Was kann jeder Einzelne tun, um Erosion zu vermeiden?
Bandel: Abfall vermeiden und nur das kaufen, was man wirklich verbraucht. Der deutsche Durchschnittshaushalt wirft 40 Prozent seiner Lebensmittel wieder weg. Im Gegenzug bedeutet das: Landwirte müssen 40 Prozent mehr produzieren, als tatsächlich benötigt wird. Das ist für jedes Landwirtschaftssystem eine Herausforderung und damit auch für die Umwelt. Auch wenn es erst einmal unsexy klingt: Das große Thema heißt Müllvermeidung.

 


Über Tobias Bandel

Nach seinem Agribusiness-Studium an der Universität Hohenheim arbeitete Tobias Bandel über vier Jahre als Anbau- und Exportleiter für frisches Obst und Gemüse bei der Sekem Group in Ägypten. Neben seiner Handelsaktivität war er in verschiedenen Agribusiness-Projekten in Kooperation mit der IFC / Worldbank und USAID involviert, wie der Entwicklung von Rückverfolgbarkeits- und Kommunikationsinstrumenten, um Kleinbauern mit Exportmärkten zu verbinden.
2007 gehörte er zu den Mitbegründern von Soil & More International und ist dort Geschäftsführer. Seine Schwerpunkte liegen auf Bodenfruchtbarkeitsprojekten, Emissionsminderungsstrategien sowie Nachhaltigkeitsbewertung.




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