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Philosophisches Schnitzen



Philosophisches Schnitzen
11. Januar 2019  ·  von Witold Michalczyk



Norbert Leitner hat das Messermachen zu seiner Passion gemacht. Seine zahlreichen Kunden lernen bei ihm nicht nur sein Handwerk oder Löffelschnitzen, sondern nehmen auch neue Erkenntnisse über das Leben in der modernen Welt mit nach Hause.

69° Nord – das ist ein ungewöhnlicher Name für Ihr Unternehmen. Welche Geschichte steckt dahinter?

69 Grad Nord ist der Breitengrad auf der Höhe von Tromsø. Ich war dort viel unterwegs und habe über 15 Jahre verteilt große Wanderungen in der Wildnis Nordskandinaviens gemacht. Meist um diesen Breitengrad und das Dreiländereck Norwegen, Schweden und Finnland herum, bis nach Russland. Das erklärt vielleicht, warum ich im Sommer manchmal unter der Hitze leide. Bei der Namensfindung war dann 69 Grad Nord der Bezugspunkt, weil ich damit ganz stark ein Gefühl von Freiheit verbinde. Auch die Menschen, die dort leben, die Samen, sind mir wichtig.

 Was macht die Samen so besonders für Sie?

Dieses indigene Volk Lapplands hat ein paar Fähigkeiten, die mich stark ansprechen. Vor allem sind sie ein integraler Bestandteil der Natur, die sie umgibt.

Wie meinen Sie das?

Die Samen haben ein Selbstverständnis, das sie stark mit ihrer Arbeit und ihrem Leben verbindet. Sie sind in der Lage, mit wenig Material viele schöne und wertvolle Dinge herzustellen. Bei uns ist das ja eher umgekehrt. In unserem Raum zeichnet sich ein Handwerker dadurch aus, dass er möglichst viele Maschinen hat. Die Samen arbeiten einfach mit Geduld und Spucke. Jeder Gegenstand ist schön, nicht mal der kleinste Löffel ist banal. Das finde ich bemerkenswert.

In Norbert Leitners Seminaren lernen Menschen Schnitzen – und wie man sich wieder Zeit nimmt, um den Gedanken seines Gegenübers zu folgen.

Wie sind Sie denn auf Messer gekommen?

Für jeden, der eine Zeit draußen lebt, ist das Messer essenziell. Es ist unglaublich, wie wenig man ohne Messer machen kann. Der Mensch ist von Natur aus nicht besonders gut ausgestattet. Seine Zähne sind nicht scharf genug, seine Krallen sind zu fein. So ist das Messer extrem wichtig für einen Menschen, der sich in der Natur bewegt. Sein eigenes Stück Fleisch schneiden zu können, aber auch Dinge reparieren zu können, Sachen herstellen zu können, alles das hat etwas mit dem Messer zu tun. Für mich ist das Messer ein Symbol für ein selbstbestimmtes Leben.

Wie unterscheiden sich Ihre Messer von hochwertigen industriell gefertigten Messern?

Bei der industriellen Messerfertigung fehlt die wichtigste Komponente: der Mensch mit seiner Kreativität und seinem Geschick. Es gibt sehr gute industriell hergestellte Messer. Dennoch kann man sie mit einem handwerklich gefertigten Produkt nicht vergleichen. Ich brauche eine ganze Woche, bis ich ein einzelnes Messer angefertigt habe. In meiner Werkstatt gehen die Uhren anders. So sehe und spüre ich Sachen, die in der maschinellen Fertigung völlig untergehen. Ich habe auf jeden Arbeitsschritt Einfluss, jeder Handgriff bin zu 100 Prozent ich. Wenn ich einen schlechten Tag habe, muss ich meine Arbeit hinlegen und warten, bis ich wieder besser arbeiten kann. Die Maschine kennt das Leben der Menschen nicht. Dieser Unterschied ist entscheidend.

Die Messer von Norbert Leitner entstehen in Handarbeit. Es kann bis zu einer Woche dauern, bis er mit dem Ergebnis zufrieden ist.

Wollen Sie auch eine Tradition bewahren?

Mein Handwerk ist entkoppelt von Tradition. Für mich hat die Arbeit einen sehr persönlichen Anspruch. Kreativität und Eigensinn sind die zentrale Basis meiner Arbeit. Ich mache die Form, das Design – das Konzept und die ganze Ausarbeitung liegen in meiner Hand.

Wer kauft Ihre Messer?

Meine Kunden sind meist sehr naturverbunden. Sie haben einen Sinn fürs Praktische, lieben Design und Kunst. Und sie haben eine hohe Wertschätzung für handwerklich hergestellte Produkte, weil sie ein sehr hohes Qualitätsbewusstsein haben. Es sind meist Menschen, die sich sehr bewusst gegen Massenkonsum entscheiden. Bei mir muss man ein bis zwei Jahre warten, bis man ein Messer bekommt. Viele Kunden zelebrieren dabei eine selten gewordene Kunst: die Vorfreude. Ich würde sagen: Es sind besondere Menschen …

… die dann solche Produkte besonders wertschätzen?

Absolut. Und mir geht das genauso. Ich kann richtig gerührt sein, wenn ich ein solches Produkt kriege. Das kann ein Glas selbstgemachte Marmelade sein oder irgendetwas anderes, das mit handwerklicher Leidenschaft hergestellt wurde. Weil ich einfach sofort sehe, wie viel Arbeit und Können da drinsteckt.

Vermitteln Sie diese Denkweise auch in einem Kurs wie dem Philosophischen Schnitzen?

Es gab mal eine Zeit, in der Menschen bei der Arbeit zusammensaßen. Sie kennen sicher diese Bilder: die Arbeit der Bauern auf dem Feld, die Weizen von der Spreu trennen. Oder auch Frauen, die zusammen arbeiten. Diese Zeiten sind lange vorbei. Das Philosophische Schnitzen bietet eine Möglichkeit, sich zusammenzusetzen, zu schnitzen und währenddessen miteinander zu sprechen. Wenn die Hände beschäftigt sind, denkt man klarer. Man hat einen anderen Zugang, Blockaden lösen sich, und man wird freier. Es entwickeln sich neue Ideen und Ansätze.

Sie bieten auch noch Überlebenskurse an …

In meinem Survival-Kurs für Ein-Personen-Unternehmer geht es um die Einheit von Leben und Arbeiten. Viele trennen diese Bereiche, die eigentlich zusammengehören, andere scheitern dabei, sie in Einklang zu bringen. Ich weiß, wie schwierig es ist. Ich bin seit knapp zwanzig Jahren selbstständig. Schon in der ersten Phase gibt es tausend Gründe, alles hinzuschmeißen. Ich suche mit Menschen, die sich beruflich verändern wollen, nach Wegen abseits ausgetretener Pfade. Durch gemeinsames Philosophieren entwickeln wir Möglichkeiten, wie man einem selbstbestimmten Leben näherkommen kann. Oft braucht es dafür einen Blick von außen, eine Inspiration oder einen Perspektivenwechsel.

„Wenn die Hände beschäftigt sind, denkt man klarer“, sagt Norbert Leitner. Daher ist das gemeinsame Schnitzen mit seinen Kursteilnehmern ein Weg um Blockaden zu lösen und Dinge aus einer anderen Perspektive zu betrachten.

Ist dieser Wunsch nach Selbstbestimmung auch eine Gegenposition zu einem Alltag, in dem Maschinen immer mehr Platz einnehmen?

Diese Entwicklung sehe ich sehr problematisch. Der Mensch hat ja eine Neigung, seine Möglichkeiten zu erweitern, und dafür trägt er Verantwortung. Um nicht mehr mit der bloßen Hand jagen zu müssen, entwickelten die Menschen Speere, später Pfeil und Bogen. Damals war Nahrung wichtig. Heute ist es die Bequemlichkeit. Mit einem Wisch am Smartphone kann man vom Urlaubsort die Jalousien zu Hause fernsteuern. Manche empfinden das als selbstwirksam. Sie wischen und dann passiert etwas. Nur steht dies alles doch auf tönernen Füßen. Die Selbstwirksamkeit meint uns direkt und das positive Gefühl, das damit verbunden ist, stellt sich nur ein, wenn man etwas tut. Ich halte es mit dem Freikletterpionier Paul Preuß: „Der Mensch sollte einem Problem gegenüber wachsen, nicht der technische Aufwand bei dessen Lösung.“

Merkt man diese Fragilität nur, wenn eine Katastrophe eintritt?

Soweit braucht man gar nicht zu denken. Ein kurzer Stromausfall oder zehn Zentimeter Schnee reichen, um unseren Alltag entgleisen zu lassen. Wenn man die einfachsten Sachen nicht mehr beherrscht, nichts mehr reparieren oder kochen kann oder man die Dinge nicht mehr versteht, weil die Technik so kompliziert ist, dann sehe ich das durchaus als problematisch an.

Das heißt, Ihre Einstellung zur Selbstbestimmung ist auch, den Leuten die Fähigkeit zu geben, sich nicht von Maschinen bestimmen zu lassen?

Ja das stimmt! Das Schöne ist ja, dass wir heute die Möglichkeit haben, zu wählen.

Vielen Dank für das Interview

Mehr Informationen zur Norbert Leitner, seine Messer und seine Seminare gibt es hier.

Fotos: Stefan Rosenboom

Witold Michalczyk

Nachhaltigkeit, Technik und Handwerkskunst – über diese Themen recherchiert und schreibt Witold A. Michalczyk begeistert. In der Freizeit lässt er sich von seinem Garten, auf Touren durch einsame Höhlen und der Geschichte des Stummfilms zu neuen Ideen inspirieren. Witold A. Michalczyk lebt am Rand der Schwäbischen Alb.
Witold Michalczyk



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