„Die Kinder sollen naschen, riechen, kosten, sich verstecken und wohlfühlen“



„Die Kinder sollen naschen, riechen, kosten, sich verstecken und wohlfühlen“
23. Oktober 2017  ·  von Witold Michalczyk



Katrin Wagner ist Gärtnerin, Kulturwissenschaftlerin und Inhaberin der marmelo manufaktur brandenburg. Wir haben mit ihr über das Projekt „Essbare Schule“ gesprochen, zu dessen Initiatorinnen sie gehört.

 

Warum haben Sie das Projekt „Essbare Schule“ gestartet?

Katrin Wagner: Mit dem Umzug nach Rheinsberg und der Einschulung unserer Tochter an der örtlichen Grundschule habe ich bemerkt, dass diese einzigartige Brandenburger Landschaft mit ihren Seen und Wäldern kein Teil des Lebensalltags der Schulkinder ist. Das Schulgelände bestimmte eine eher zweckmäßige Gestaltung. Die alltägliche Schönheit, welche Freude und Wohlbefinden hervorruft und zugleich Wissen vermittelt sollte, bleibt außen vor.

 

Wie wurde aus der Beobachtung ein konkreter Plan?

Katrin Wagner: Gemeinsam mit der GemüseAckerdemie Potsdam und den Kindern der Klasse 3b haben wir daher zum „Kulinarischen Festival Solanum 2016“ ein Schulgartenprojekt gestartet. Aus dieser Idee ist der Wunsch entstanden, den Schulgarten wachsen zu lassen und das gesamte Schulgelände in einen Gemüsegarten sowie einen Park mit Wiese und Obstbäumen zu verwandeln. Diese Gestaltung sollte nicht nur Aufenthaltsqualität bieten sondern auch Themen des Sachkundeunterrichts aufgreifen. Mit dieser Idee haben wir uns dann bei der Robert Bosch Stiftung beworben.

 

Was ist das Ziel der „Essbaren Schule“?

Katrin Wagner: Anhand der Wünsche der Kinder, der Ideen der Lehrer sowie den Themenschwerpunkten aus Lehrplan für Sachkunde wird der Schulhof in den kommenden zwei Jahren in einen Sinnes- und Erlebnishof verwandelt. Die Kinder sollen naschen, riechen, kosten, sich verstecken und wohlfühlen und, so wie es von Ihnen gewünscht wurde, auch zurückziehen können.

 

Gemeinsam mit den Schülerinnen und Schülern haben wir zum Beispiel Obstbäume und -sträucher gepflanzt, ein Kräuterbeet angelegt sowie die BienenAG gegründet, in der Schülerinnen und Schüler ihr eigenes Bienenvolk betreuen.

 

Was wissen die Kinder heute von gesunder Ernährung?

Katrin Wagner: Das ist sehr unterschiedlich und abhängig von dem, was in der Familie, also zu Hause gelebt wird. Allgemein kann man sagen, dass das Wissen immer geringer wird. Die Geschmacksknospen sind von Geschmackserlebnissen aus dem Supermarkt besetzt. Selbst gekocht wird wenig. Das ist sehr schade, denn gemeinsam kochen und essen ist verbindendes Element innerhalb jeder Gemeinschaft. Gutem Essen wird leider auch eine immer geringere Bedeutung beigemessen. Aber das könnte man ebenso über viele Erwachsene sagen.

 

Welche Folgen hat dieser Trend?

Katrin Wagner: Viele Kinder hatten ihre ersten Begegnungen mit Mangold, Popkornmais und vielen anderen landwirtschaftlichen Produkten in unserem Projekt mit der GemüseAckerdemie. Sie haben das schöne Gefühl entdeckt, Gemüse selbst anzubauen, zu ernten, zu kosten und zu vermarkten. Dadurch haben sie auch gelernt, diejenigen wertzuschätzen, die dieses Gemüse normalerweise für sie anbauen. Sie verstehen jetzt auch, dass alles einen Wert hat – das ist eine für ihr späteres Leben ungemein wichtige Erfahrung.

 

Verbinden Kinder heute noch Landwirtschaft und ihre eigene Ernährung miteinander?

Katrin Wagner: Das ist schwer zu sagen. Für Kinder auf dem Land ist es auf jeden Fall leichter sichtbar, dass beispielsweise Getreide angebaut wird. Aber wie viele Schritte es bedarf, dass daraus Brot gebacken wird, ist den meisten kaum klar. Ich denke, dass man hier ansetzen und diesen Zusammenhang im Sachkundeunterricht darstellen sollte. Ich kann mit beispielsweise vorstellen, dass im Unterricht der Weg des Getreides von der Aussaat bis zum Brot gezeigt wird.

 

Was lernen Sie von den Kindern, die am Projekt teilnehmen?

Katrin Wagner: Wir sehen, welche große Begeisterung ein kleiner Impuls auslösen kann. Die Kinder waren so glücklich und schon am ersten Projekttag dankbar, dass sie teilnehmen konnten. Das Pflanzen hat ihnen so viele Freude gebracht. Es war ein toller Tag und zudem ein Tag ganz ohne Streitigkeiten. Wir lernen auch, dass wir Kinder viel zu oft unterschätzen und viel zu selten fragen, was sie eigentlich möchten. Ihr Schulalltag und die Lebensräume für Kinder werden meistens an diesen vorbei geplant. Wenn man die Kinder einfach in die Planung einbezieht, könnte es viel einfacher gehen und würde zu viel besseren Ergebnissen führen. Für mich persönlich habe ich gelernt, dass in jedem Kind etwas Besonderes steckt und wir dieses Besondere nur wachkitzeln müssen. Gerade Kinder die schulisch nicht so begabt sind, finden auf anderen Gebieten endlich eine Wertschätzung. Das stärkt diese Kinder für ihr Leben.

 




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